Digitale Fachkonferenz zum GUTE KITA GESETZ

Am 2. Oktober 2020 fand die zweite Fachkonferenz zum GUTE KITA GESETZ statt – Corona-bedingt in digitaler Form. Die Fachkonferenz des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) stellte die Praxis in den Mittelpunkt: Unter dem Motto „Was gute KiTa-Praxis ausmacht“ erhielten Fachkräfte aus Kitas und Kindertagespflege sowie weitere Akteure im Bereich Kindertagesbetreuung spannenden Input zu verschiedenen Qualitätsthemen aus Wissenschaft und Praxis. Die Teilnehmenden tauschten sich über aktuelle Herausforderungen und gute Ansätze aus. Insbesondere die Erfahrungen während der Corona-Pandemie wurden angeregt diskutiert. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey begrüßte die Teilnehmenden live aus dem Studio in der Berliner Kalkscheune und nutze die Gelegenheit, um den Fachkräften für ihren Einsatz in der Corona-Pandemie zu danken. Durch das Programm führte Fernsehmoderator Johannes Büchs.

Ja, meine Damen und Herren, ein herzlicher Gruß an alle Fachkräfte. Ich freue mich, dass wir zusammenkommen, auch unter diesen Bedingungen und darf Sie auch von meiner Seite herzlich zur digitalen Fachkonferenz zum Gute-Kita-Gesetz begrüßen. Ein herzliches Willkommen hier aus der Berliner Kalkscheune. Normalerweise ist dieser Saal, wo wir hier gerade sind, brechend voll. Wir hätten uns getroffen, wir hätten uns ausgetauscht und natürlich auch darüber gesprochen, wie bei Ihnen die Umsetzung des Gute-Kita-Gesetzes läuft.

Das ist alles etwas anders gekommen.

Aber ich finde trotzdem wichtig, dass wir ermöglichen, auf diese Art und Weise zusammen zu kommen. Denn es ist einerseits eine besondere Zeit, in der wir uns treffen, im Sinne auch der Kita-Arbeit, die in den letzten Monaten ja ganz anders gelaufen ist, als es geplant war.

Es ist aber auch wichtig, jetzt nach vorne zu blicken und zu überlegen und zu besprechen, wie der Regelbetrieb eben gut auch weiter laufen kann. Und wir sind sehr froh, dass der Regelbetrieb in den Kindertagesstätten wieder läuft. Dass er auch gut läuft, dass wir sehr, sehr geringe Einrichtungsschließungen tatsächlich nur haben, unter 0,5 Prozent. Und das bedeutet, die Kitas haben sich eingestellt auf die neue Situation. Sie alle haben Hygieneregeln umgesetzt. Sie tun alles dafür, um für Ihre Kinder da zu sein. Und wir sehen es auch: Es sind nur vier Prozent des Personals tatsächlich im Moment nicht direkt mit den Kindern Kontakt, über 90 Prozent sind es.

Und das ist ein sehr, sehr gutes Zeichen.

Und ich möchte mich zuallererst ganz herzlich auch bei Ihnen bedanken für Ihre Arbeit und auch für Ihre Kreativität in den letzten Wochen und Monaten.

Wir hatten ja gestern hier in Berlin auch einen ganz besonderen Abend. Wir haben nämlich die ersten und zweiten Preise für den Kita-Preis des Jahres 2020 vergeben, auch unter besonderen Abstandsregeln. Aber die Preisträgerinnen und Preisträger waren da. Sowohl für die besten Kitas Deutschlands, als auch für die besten lokalen Bündnisse für frühe Bildung. Und das war mir ganz besonders wichtig, dass wir eben nicht nur die Bekanntgabe digital machen, sondern auch nochmal alle Preisträger hier einladen nach Berlin, offiziell die Trophäe übergeben. Und ich habe mich sehr gefreut, ins Gespräch mit Ihnen zu kommen. Ich weiß, dass auch jetzt einige von Ihnen zuschauen und dabei sind. Und ich fand es wirklich beeindruckend, was auch berichtet wurde, wie Sie Kontak gehalten haben, auch in den Schließzeiten, in der Pandemiezeit, als eben nur Notbetreuung oder eben der sehr eingeschränkte Regelbetrieb möglich war. Und wir haben gesehen, dass viele Kitas sehr, sehr großartige neue Ideen auch entwickelt haben:

Von den Vorlesegeschichten als Podcast, über Kinder-Kunstgalerien am Kita-Zaun oder eben Bastelvorlagen, Büchertipps, regelmäßige Newsletter, auch ganz stark der Weg ins Digitale, um eben Kontakt zu den Familien, zu den Eltern halten zu können. Und das sind Dinge, die jetzt entwickelt worden sind, die wir auch gut bewahren können und sollten und wo wir uns auch austauschen sollten über Beispiele guter Praxis. Und das passiert ja am heutigen Tag auch.

Wir haben jetzt die große Aufgabe, dass wir eben nicht noch einmal in eine Lage kommen, in der wir flächendeckende Schließungen von Kitas und Schulen haben müssen. Und das ist etwas, was unser großes Ziel auch ist, aus dem Kinder- und Familienministerium. Wir werden alles daran setzen, das zu unterbinden. Wir sind im Kontakt mit den Bundesländern, die ja dafür zuständig sind. Es gibt einen regelmäßigen Austausch zwischen der Bundes- und Landesebene.

Und ich hab ja im Sommer den Corona-Kita-Rat ins Leben gerufen, wo wir sagen, wir bringen nicht nur die Bundesländer und die Bundesregierung zusammen, sondern wir wollen auch einen regelmäßigen Austausch mit den Kita-Trägern, mit der Bundeselternvertretung, mit den Gewerkschaften, die sich für die Fachkräfte einsetzen und eben auch mit den Kinder- und Jugendärzten in Deutschland, um tatsächlich auch beraten zu können, wie man jetzt gut den Regelbetrieb aufrechterhält.

Ein ganz wesentliches Instrument dafür ist unsere Corona-Kita-Studie, die wir schon im Mai diesen Jahres gestartet haben, zusammen mit dem Deutschen Jugendinstitut und mit dem Robert Koch-Institut. Und ich möchte gerne an dieser Stelle auch nochmal dafür werben, wie wichtig es ist, dass wir mit dieser Corona-Kita-Studie eben flächendeckend auch die Kitas gewinnen, dort mitzumachen. Wir haben ja 56.000 Kitas in Deutschland. Hinzu kommt die Kindertagespflege natürlich. Und wir sind sehr, sehr froh, dass sich mittlerweile schon über 12.000 Kitas und Einrichtungen in der Kinderbetreuung registriert haben, bei der Corona-Kita-Studie wöchentlich kurz ein paar Minuten sich Zeit nehmen und berichten über ihren Kita-Alltag. Wie sieht das aus? Gab es Infektionen? Welche Form von Hygienemaßnahmen machen wir? Wie wird das verfolgt?

Und ein Teil der Corona-Kita-Studie ist eben auch, dass wenn ein Infektionsgeschehen auftritt, dass dann das Robert Koch-Institut mit speziellen kindgerechten Tests auch ins Feld geht, zu Ihnen kommt, dass entsprechend mit begleitet, Infektionsketten verfolgt und natürlich mehr Erkenntnisse auch über den Infektionsverlauf bei Kindern herausbekommt. Das ist das kleine Teilprojekt "COALA". Wir werden ab dem 12. Oktober hier intensiv auch mit den kindgerechten Test-Strategien ins Feld gehen können. Und wir werden alle Erkenntnisse, die bisher da sind, medizinischer Art, nochmal bündeln anhand des Regelbetriebes, um auch klarer zu sehen: Wie ist denn eigentlich wirklich jetzt die Bedeutung von Kindern im Zuge dieser Krankheit? Wir haben ja am Anfang nicht so starke Erkenntnisse gehabt. Die Erkenntnisse werden jetzt immer mehr. Und natürlich ist es extrem hilfreich, wenn die Kitas auch mitmachen.

Insofern mein Aufruf an Sie: Wenn Sie noch nicht registriert sind bei der Corona-Kita-Studie, gehen Sie auf die Webseite, registrieren Sie sich, nehmen Sie sich die Zeit dafür. Es ist nicht so viel Zeit, aber es ist für uns und für Deutschland insgesamt sehr, sehr hilfreich, wenn Sie das machen, weil wir einfach noch weitere Erkenntnisse brauchen und weil das die beste Vorbeugung auch ist, um tatsächlich die Maßnahmen zu treffen, die nötig sind, damit der Regelbetrieb aufrechterhalten werden kann, damit das Kinderrecht auf Bildung und frühe Förderung nicht erneut wochenlang ausgesetzt werden muss. Das ist unser wesentliches politisches Ziel auch jetzt für die Herbstzeit, wo wir eben wieder mehr Schnupfen und all die Krankheitssymptome haben. Wie kann man gut damit umgehen? Wann gehört das Kind eben nicht in die Kita? Wenn es Fieber hat auf jeden Fall. Wie kann man das ansonsten auch gut regeln?

Wir werden demnächst gemeinsam mit Jens Spahn auch nochmal Praxistipps dazu veröffentlichen, auch in Anlehnung an die vielen praktischen Ideen und Erfahrungen, die Sie uns schon geliefert haben, um hier auch Hilfestellungen, konkrete Hilfestellungen für die Kitas zu geben.

Und ich will noch erwähnen zum Schluss zwei große Schwerpunkte, wie wir auch finanziell unterstützen. Wir haben ja zum einen, es ist heute hier sehr gut im Hintergrund zu sehen, unser Gute-Kita-Gesetz. Wir haben den Bundeshaushalt gerade im Kabinett beschlossen für das nächste Jahr. Wir haben auch die Finanzplanung festgezurrt bis 2024 und es ist eine klare Verpflichtung in der Finanzplanung bis 2024 formuliert worden, dass der Bund sich auch über das Jahr 2022 hinaus bekennt zu seiner Verantwortung, hier auch mit Bundesmitteln die Qualitätsentwicklung in den deutschen Kitas zu unterstützen. Wir werden damit eben mit diesen zusätzlichen Mitteln auch die Fachkräfte unterstützen können, den Personalschlüssel, all das von Bundesebene eben zusätzlich flankieren, was die Länder tun. Es gibt eine gute Perspektive dafür und ich glaube, dass ist auch für Sie sehr wichtig, dass sie eben dort gut planen können.

Und wir haben im Zuge des Konjunkturpaketes der Bundesregierung sehr darauf gedrungen, vonseiten des Familienministeriums, dass wenn in die Konjunktur investiert wird, wir auch natürlich in die Infrastruktur für die Betreuung der Kinder investieren. Und deshalb konnten wir ein fünftes Investitionsprogramm verhandeln für den Ausbau der Kinderbetreuungsfinanzierung. Dieses Programm, was in diesem Jahr und im nächsten Jahr umgesetzt wird, wird das Budget haben von einer Milliarde Euro. Tausend Millionen Euro, die in Deutschland zusätzlich eingesetzt werden, um die Kinderbetreuung auszubauen, um zusätzliche 90.000 Plätze zu schaffen, um in die Hygienemaßnahmen zu investieren und auch, um innovative Dinge zu machen, wie die Digitalisierung von Kitas, WLAN, aber auch Tabletausstattung, die digitale Kontaktaufnahme zu den Eltern. Das wird alles dort eine wichtige Rolle spielen.

Und bitte erkundigen Sie sich danach, dieses Kita-Investitionsprogramm in Anlehnung an die vier, die es vorher schon gab - eigentlich war kein fünftes geplant - jetzt können wir es machen mit 1.000 Millionen Euro. Das ist glaube ich ein sehr, sehr gutes Signal.

Und vielleicht hören ja heute auch die Sprach-Kitas zu. Jede achte Kita in Deutschland ist eine Sprach-Kita. Das heißt, wir haben hier ein Bundesprogramm, das wirklich flächendeckend wirkt. Und es sollte auslaufen in diesem Jahr. Und wir haben uns dagegen gestemmt. Wir haben gesagt, auch wenn wir Krise haben, gerade dann ist es wichtig, dass die Sprach-Kitas aufrechterhalten bleiben. Und deshalb konnten wir für den Haushalt nächsten Jahres die Fortführung des Programms Sprach-Kitas auch durchsetzen. 250 Millionen Euro, um die Sprach-Kitas und das Programm Kita-Einstieg fortzusetzen. Und das sind bundesweit 7.000 Kitas.

Und ich finde das großartig.
Die Arbeit, die Sie machen.
Mir war es sehr wichtig, dass wir dort auch weitermachen können. Und ich hoffe, Sie freuen sich auch ein wenig darüber und können diese Mittel gut nutzen.

Heute geht es natürlich auch darum, praktischen Austausch zu machen. In der Konferenz auch nochmal die Erfahrungen auszutauschen der letzten Monate, der kommenden Monate, gute Lösungsansätze zu entwickeln. Und wir tragen dazu auch etwas bei. Denn wir habenheute das neue "Praxisforum Gute Kita" ins Leben gerufen. Das wird bestimmt oder hat vielleicht schon eine Rolle gespielt. Ich möchte allen sehr herzlich danken, die auch daran mitgearbeitet haben. Denn es geht immer letztendlich darum, die praktische Arbeit vor Ort gut zu unterstützen. Dazu tragen wir bei.

In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen einen sehr, sehr guten digitalen Fachtag Gute-Kita-Gesetz. Herzlichen Dank für Ihre Arbeit und schöne Grüße überall dorthin, wo Sie jetzt zuschauen.
Dankeschön.

Moderation Johannes Büchs: Und herzlichen Dank an Sie, liebe Frau Giffey, dass Sie sich die Zeit genommen haben und vorbeigekommen sind in der Kalkscheune. Dankeschön. Wir werden in den nächsten Minuten nochmal den Link teilen, dass wenn Sie an der Corona-Kita-Studie teilnehmen wollen, Sie im Chat auch einfach den Link nur anklicken müssen und sehen. Dann müssen Sie sich gar nichts raussuchen. Es geht noch leichter Mitglied zu werden. Über 12.000 sind es jetzt schon. Und was ist Ihr Ziel, Frau Giffey, wieviel wollen Sie? Alle?

Franziska Giffey: Na ja, wir haben 56.000 in Deutschland. Wahrscheinlich werden wir nicht ganz alle bekommen. Aber uns sagt das Deutsche Jugendinstitut: Wenn wir 10.000 haben, können wir super gute, valide Daten auswerten. Und 10.000 sind repräsentativ für alle 56.000. Das heißt, wir haben unser Repräsentativziel schon erreicht. Aber natürlich wollen wir, dass alle auch dranbleiben, denn es lebt davon, dass regelmäßig berichtet wird. Und deswegen hoffe ich, dass noch mehr dazukommen und auch weiter dann jede Woche die paar Minuten aufwenden und uns rückmelden, wie ist die Lage bei Ihnen vor Ort. Sowas gibt es in Deutschland noch nicht. Und das ist für uns ganz wichtig.

Auch für die nationale Politik, hier die richtigen Schritte zu machen und das zu tun, was Sie vor Ort wirklich brauchen. Und ich habe ja auch einen Vorteil als Kita mit dem Programm COALA. Also ich investiere Zeit, aber ich kriege vielleicht auch dann, wenn es mal hart auf hart kommt, ganz tolle Hilfe vom Robert Koch-Institut. Insofern beteiligen Sie sich gerne und wir stellen gleich den Link im Chat zur Verfügung.

Moderation Johannes Büchs: Frau Giffey, vielen, vielen Dank.

Begrüßung

Willkommen geheißen wurden die Teilnehmenden von Bettina Bundszus (Leiterin der Abteilung „Kinder und Jugend“ im BMFSFJ) und Volker Schebesta (Staatssekretär im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg) als Vorsitzender der Jugend- und Familienministerkonferenz.

Meine ersten herzlichen Grüße gehen nach Baden-Württemberg, von Berlin nach Stuttgart.

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Schebesta, lieber Volker und die anderen Grüße, die weiteren Grüße, gehen nach ganz Deutschland an Sie, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Ich freue mich, Sie alle zu sehen. Und ich sehe viele spannende Hintergründe, Bücher, Fenster, Wochenpläne, Basteleien - das gibt alles insgesamt ein buntes Bild und vor allen Dingen sehr viele konzentrierte Gesichter. Meine Damen und Herren, besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen und so eine haben wir hier heute. Ihre Gesundheit liegt uns am Herzen. Deswegen haben wir den Gute-Kita-Kongress in die virtuelle Welt verlagert. Corona hat uns und beschäftigt uns immer noch immens. Wir haben schwere Zeiten hinter uns. Insbesondere schwere Zeiten für die Kinder, die ihre Kitas, die ihre Tagesmütter, ihre Tagesväter unendlich vermisst haben. Und natürlich auch für die Eltern, die in einer sehr großen Belastungssituation waren.

Deswegen ist das politische Ziel von uns allen und die Konferenz der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten gemeinsam mit der Kanzlerin hat es auch noch einmal bestätigt, unser vordringlichstes Ziel ist, dass es nicht wieder zur Kita- und zu Schulschließungen kommt. Das bedeutet für uns alle ein hohes Maß an Disziplin. Aber es lohnt sich.

Wir im Familienministerium sind unglaublich beeindruckt von der Kreativität und von der Zugewandtheit, mit der Sie diese Situationen gemeistert haben.

Gut ist Kita, weil Sie das machen.

Gut ist Kita auch, weil alle zusammenwirken. Alle Verantwortlichen in den Kommunen, von den Trägern, von den Gewerkschaften, von den Ländern und natürlich auch vom Bund. Aufgabe des Bundes ist es, die Rahmenbedingungen für Sie und ihre Arbeit zu verbessern. Und das haben wir mit dem Gute-Kita-Gesetz gemacht. Mit dem Gute-Kita Gesetz werden wir 5,5 Milliarden Euro zur Verfügung stellen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen Ihrer Arbeit.

Es ist eine neue Art der Zusammenarbeit auch zwischen Bund und Ländern. Bund und Länder sind sich einig und auch alle Wissenschaftler, die uns beraten haben, auch die Träger und die Gewerkschaften, bei der Frage: Was macht eigentlich eine Kita gut? Dafür gibt es zehn Handlungsfelder und jedes Land hat unterschiedliche Stärken, aber auch noch weitere Ziele. Und diese Ziele können Sie mit dem Geld aus dem Gute-Kita-Gesetz und mit einer klaren Fokussierung auf die Handlungsfelder auch stärker und schneller erreichen.

Neu in der Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern ist: Es gibt 16 Verträge. Also jedes Land hat mit dem Bund einen Vertrag geschlossen darüber, wo das Geld reingeht. Es gibt 16 mal Transparenz über diese Verträge. Das heißt, jeder kann schauen: Ist das Geld auch da angekommen? Und letztlich ist es eine ganz große Evaluation bei der Frage: Funktioniert das Gesetz? Und wir sind alle da gerade dabei zu zeigen, wie es funktioniert und dass es funktioniert. Dazu gehört ein gutes Monitoring und wir sind sehr dankbar, dass uns das Deutsche Jugendinstitut in München bei diesem Monitoring unterstützt. Und wir werden schon Ende diesen Jahres den ersten

Monitoringbericht veröffentlichen können. Da können Sie sehen, wo die ersten Milliarden hin geflossen sind und wie sich das in Ihrem Land entwickelt hat.

Wir werden noch einen zweiten Bericht ins Land geben im nächsten Jahr. Das ist der sogenannte Evaluationsbericht für dieses Gesetz. Und weil wir alle wollen, dass die Diskussion weitergeht, werden wir uns als Bundesregierung natürlich auch noch mit vertieften Studien an der Debatte beteiligen. Wir wollen, dass das Gute-Kita Gesetz weitergeht und haben auf Bundesebene auch bereits finanzielle Vorsorge getroffen. Politik, meine Damen und Herren, ist aber nur dann gut, wenn sie wirklich in der Praxis ankommt.

Und deswegen haben wir in der ganzen Diskussion rund um die Frage, was macht eigentlich Kita gut, gemeinsam mit der deutschen Kinder- und Jugendstiftung ein sogenanntes "Praxisforum Gute Kita" ins Leben gerufen. In diesem Praxisforum sind erfahrene Expertinnen und Experten, erfahrene Kita-Leitungen, Tagesmütter, Tagesväter, Bereichsleiter, Beraterinnen. Dieses Praxisforum wird das Gute-Kita-Gesetz beraten und wir werden in eine Art Check and Balance gehen, um genau zu gucken, gibt es die richtigen Antworten. Wo sind wir schon gut und wo müssen wir noch besser werden? Viele der Teilnehmer und Teilnehmerinnen an dem Praxisforum nehmen auch heute an dieser Veranstaltung teil und ich möchte Ihnen schon einmal ganz herzlich dafür danken, dass Sie uns Ihre Expertise zur Verfügung stellen.

Und es ist wirklich eine gute Form der Qualitätsentwicklung und letztlich auch der Politikberatung. Meine Damen und Herren, diese digitale Fachkonferenz und unser Moderator hat uns gerade einmal durchgeführt, bietet spannende Workshops, tolle Vorträge. Es ist auch für uns nicht alltäglich und auch ein Novum. Auch wir sind sehr gespannt, wie das funktioniert.

Ich freue mich sehr, dass Frau Giffey heute am Mittag noch zu Ihnen kommt und einen politischen Impuls gibt. Ich möchte mich an dieser Stelle bedanken. Ganz herzlich bei Ihnen für Ihre Teilnahme und Ihr Interesse, ich möchte mich bedanken bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, mit der wir gemeinsam als Partner das Gute-Kita-Gesetz, den Kita-Preis und auch diese Veranstaltung stemmen und ich möchte mich natürlich auch sehr herzlich bedanken bei meinem Team, die mit großem Engagement, viel Zeit abends, mittags, tags und nachts und auch an den Wochenenden sich engagiert haben dafür, dass wir diese Veranstaltung, die wir eigentlich als Präsenzveranstaltung geplant hatten, sowas hat ja immer einen langen Vorlauf, Sie kennen das, verlagern konnten in den digitalen Raum und ich bin sicher, das Engagement lohnt sich und freue mich auf die guten Beratungen. Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse und habe jetzt auch die Freude nach Baden-Württemberg überzuleiten zu Herrn Volker Schebesta nach Stuttgart.

Vielen Dank.

Guten Morgen auch von mir. Liebe Frau Bundszus, liebe Bettina, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich grüße Sie herzlich aus Baden-Württemberg zu diesem digitalen Format.

Einem Format, an das wir uns in den vergangenen Monaten für Besprechungen, Sitzungen, Konferenzen gewöhnen mussten, nicht in jedem Fallgewöhnen wollten. Die eine oder andere Anfahrt oder Abfahrt fehlt uns nicht, dadurch das wir jetzt digitalzusammenkommen können. Aber ein Austauschuntereinander ist in diesem Formatnatürlich nicht so gut möglich. Und so ist es eine der Einschränkungen, wie viele, die wir in der Pandemie zu gewährleistenhaben.

Wir haben in der Politik großen Respekt davor, was Sie in den Kindertageseinrichtungenbei den Einschränkungen, die es vor allem im Frühjahr, im Frühsommer gegeben hat, geleistet haben. Wie Sie die Notbetreuung organisiert haben, wie Sie die Kinder wieder zurück in die Kindertageseinrichtungenaufgenommen haben, wie Sie zum Teil neueingewöhnen mussten, neue Eingewöhnungen daneben gewährleisten mussten, wie Sie mit allen Anforderungen der Eltern dabei auch umgegangen sind und auch die Situation der Kinderaufgefangen haben. Ich darf das für die Länder, die in enger Zusammenarbeit mit den Trägern für die frühkindliche Bildung die Verantwortung tragen, an Sie weitergeben.

Baden-Württemberg hat den Vorsitz in diesem Jahr in der Jugend- und Familienministerkonferenz. In Baden-Württemberg ist das Kultusministerium zuständig für die frühkindliche Bildung und deshalb von mir der Dank für Ihre Arbeit gerade auch in den vergangenen Wochen im Namen aller Bundesländer. Was gute Kita-Praxis ausmacht, ist für uns das, was wir gewährleisten wollen durch die Rahmenbedingungen in den Ländern.

Der Stellenwert der frühkindlichen Bildung und der Betreuung haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Auch das Bewusstsein in der Öffentlichkeit für die Bedeutung von frühen Lernprozessen.Natürlich steigt die Nachfrage der Eltern nach einer Betreuung und dem Umfang der Betreuung.

Es wachsen aber auch die Ansprüche und Erwartungen an die Qualität und die Wirksamkeit der Kindertagesbetreuung. Daran hat sich auch in der Pandemie nichts geändert, auch wenn meiner Wahrnehmung nach, so die eine oder andere Akzentverschiebung schon in Richtung Betreuung gegangen ist.

Wenn in der Zeit der Notbetreuung sehr stark nach der Wiedereröffnung gefragt worden ist und nach Betreuungsangeboten für die Eltern, die auf eine Betreuung angewiesen sind, um ihrem Job nachzugehen. Aber wir wissen, wir, die Verantwortung in der Politik tragen, aber auch Sie, die in der Arbeit stehen, dass nicht nur die Betreuung gefehlt hat und das Betreuungsangebot für die Eltern, sondern das für die Kinder in der Erziehung und der Bildung vieles dabei eben nicht stattfinden konnte, was für sie ganz wichtig ist. Nämlich die sozialen Kontakte, die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher für das Aufwachsen und die Bildungsbiografie der Kinder. Und dass wir dafür in den letzten Jahren viele Anstrengungen gemacht haben, um die Qualität dieser Arbeit noch weiter zu verbessern. Diese Qualitätsentwicklung ist durch den Prozess, den die Länder mit dem Bund vorangetrieben haben und der in das Gute-Kita-Gesetz gemündet ist, genau mit einer Unterstreichung von Qualität auf den Weg gebracht worden.

Was Qualität in der Kinderbetreuung dabei ausmacht, ist vielfältig. Es geht natürlich um Personalausstattung und Qualifizierung von Fachkräften. Es geht um die Arbeit in ihren Teams, für die Qualität der Arbeit in der Einrichtung, um räumliche Ausstattung, um das Zusammenwirken aller Akteurinnen und Akteure. Und deshalb setzen die Länder in den Handlungsfeldern, die das Gute-Kita-Gesetz vorsieht, ihre Maßnahmen vor Ort um und haben umfangreiche Pakete umgesetzt. Bislang sind die Bundesmittel bis Ende 2022 befristet.

Wir wollen als Länder natürlich, dass die Maßnahmen nachhaltig Qualität sichern. Und deshalb ist uns eine Weiterfinanzierung durch den Bund im Rahmen des Gute-Kita-Gesetzes wichtig und stehen wir in der Jugend- und Familienministerkonferenz immer wieder dafür ein, dass es auch dazu kommt.

Die letzte Fachkonferenz im November 2019 hat die Vielfalt der Maßnahmen in den einzelnen Bundesländern aufgezeigt. Und ich bin gespannt auf das, was jetzt heute bei der digitalen Fachkonferenz, was gute Kita-Praxis ausmacht, für Ergebnisse zusammengetragen werden. Was aus Ihrem Austausch auch an weiteren Impulsen entsteht. Und dafür wünsche ich einen guten Verlauf und gutes Gelingen für Ihre weitere Arbeit unter den gegebenen Umständen in den Kindertageseinrichtungen.

Viele Grüße und einen guten Verlauf der Kita-Konferenz.

Science Slam

Das Vormittagsprogramm verband spannende fachliche Impulse mit kurzweiliger Unterhaltung: zwei Science Slammerinnen und ein Science Slammer hielten Vorträge aus ihrem jeweiligen Fachgebiet – das Themenspektrum erstreckte sich vom kooperativen Spielen über ansteckende Gefühle bis hin zu einem frischen Blick auf das Phänomen „Kiezdeutsch“.

  • Theo Toppe: „Spiele – unser kulturelles Gedächtnis“
  • Dr. Franca Parianen: „Die Neurowissenschaft des Mitgefühls“
  • Diana Marossek: „Kiezdeutsch: Ist das Deutsch oder kann das weg?“

Theo Toppe 

Moderation Johannes Büchs: Der erste Science Slammer ist Theo Koppe. Theo Koppe studierte von 2016 bis 2020 an der Universität Leipzig und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Er arbeitet gerade in den letzten Zügen an der Doktorarbeit. Ich glaube, sie soll dieses Jahr noch fertig werden. Und mittlerweile ist es so, dass er schon einen Job angefangen hat. Nämlich seit Juli arbeitet er im Familienministerium und seine Forschung geht um das Thema prosoziales Verhalten von Kindern. Also die Frage: Wie verhalten sich Kinder? Wann helfen sie?  Teilen sie? Und ich möchte Sie jetzt herzlich dazu auffordern, einen digitalen imaginären Applaus für Theo Koppe zu geben. Lieber Theo, the stage is yours.

Theo Toppe: Ja, hallo guten Morgen. Ich bin Theo Toppe. Kein Problem. Ja, genau. Wie gesagt, ich arbeite seit Juli am Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Und es ist so, das möchte ich am Anfang einmal klarstellen, die Forschung, die ich präsentiere und die ich gemacht habe, die ist unabhängig von meiner Anstellung jetzt. Und ich glaube auch ehrlich gesagt, dass keiner meiner Kolleginnen und Kollegen jemals eine Studie von mir gelesen hat im Bundesministerium.

Genau in meiner Forschung, da hab ich mich mit Spielen beschäftigt, zum Beispiel Menschärgere dich nicht. Also Brettspiele, Gesellschaftsspiele, alles, was irgendwie Regeln hat. Und das ist schon irgendwie komisch, weil wir Menschen, wir sind eigentlich die einzige Spezies auf diesem Planeten, die Spielespielt. Kein anderes Tier bastelt irgendwie so Spielfiguren, nimmt ein Würfel, denkt sich Regeln aus und hat dann irgendwie auch noch Spaß dabei. Das machen nur Menschen. Das ist schon mal komisch erst einmal. Und das andere ist, wir spielen Spiele auf ganz unterschiedliche Art und Weise auf dieser Welt. Sie kennen Mensch ärgere dich nicht wahrscheinlich so, dass jeder gegen jeden spielt und am Ende gibt es eine Gewinnerin und einen Gewinner. Und es gibt das Spiel aber auch ganz anders, zum Beispiel in Südkorea.

Und da heißt das Yutnori. Und bei Yutnori spielen immer zwei Gruppen gegeneinander. Aber eigentlich ist dieses gegeneinander spielen gar nicht so wichtig, sondern man spiel das vor allem an Feiertagen. Und es geht so darum, als Gruppe gemeinschaftlich zusammenzukommen, obwohl das Spiel eben an sich von den Regeln ganz, ganz ähnlich ist. Und es gibt das Spiel auch in Uganda. Da heißt es Ludo. Und ich war vor zwei Jahren in Uganda und habe diese Männer da das Spiel spielen sehen und dachte ja super, da kann ich jetzt mal mitmachen, kann ich ein Spiel spielen. Und ich habe eine Minute zugeguckt und ich habe nichts verstanden. Ich hatte keine Ahnung, wie dieses Spiel funktioniert. Einer würfelt alle anderen bewegen irgendwie ihre Figuren. Es war einfach nicht ganz klar, wie das irgendwie läuft und ich hab dann im Nachhinein erst erfahren, wie es funktioniert. Und zwar, wenn eine Person

würfelt, darf die, die gegenübersitzt, auch ihre Spielfiguren mit bewegen. Man muss dann so ein bisschen aushandeln, wie man diese Augenzahl aufteilt. Also es ist schon ein gegeneinander spielen, aber irgendwie sitzt man dann doch im gleichen Boot.

Und die Frage ist: Warum ist das alles so? Warum spielen Menschen Spiele und ist das irgendwie alles nur Zufall, dass wir unterschiedlich spielen?

Und wir an der Uni Leipzig haben gedacht: Nein, das ist eigentlich kein Zufall. Da gibt es irgendwie ein System dahinter. Und wir glauben, dass Spiele unser kulturelles Gedächtnis sind, also dass durch Spiele kulturelle Werte über Generationen hinweg weitergetragen werden.

Das klingt super abstrakt. Ich mache mal ein ganz konkretes Beispiel. Wir nehmen jetzt einfach mal irgendeine amerikanische Familie. Und diese amerikanische Familie, die hat bestimmte Werte. Die denken, man muss sich gegenseitig behaupten, man muss sich durchsetzen, man sollte wenig teilen. Und diese Werte wollen sie natürlich ihren Kindern weitergeben, damit die dann kompetent in der Gesellschaft ankommen. Und wie machen die Eltern das? Na klar, die geben dem Kind Spiele, die gegeneinander gespielt werden. So kann das Kind nämlich schon sehr früh lernen, dass es sich behaupten muss und wenig teilen sollte. Wenn es dann erwachsen ist, kann es diese Kompetenzen anwenden.

Jetzt nehmen wir mal eine andere Familie. Diese Familie, die wohnt im Norden Namibias, in einer ehemaligen Jäger-Sammler-Kultur. Bei den Haikom. Und bei den Haikom ist es so, dass die Gemeinschaft im Mittelpunkt steht. Da wird geteilt, ohne dass groß gefragt wird. Und es ist auch nicht so cool, wenn man sich über andere drüber stellt, sondern man soll nicht so angeben, sondern man soll eher bescheiden, sich irgendwie gleich mit allen orientieren. Und spannend ist, in diesem kulturellen Kontext gibt es kein Wort für gegeneinander. Wenn die Fußball spielen, muss es am Ende unentschieden ausgehen. Es gibt kein Gegeneinander und diese Werte wollen sie natürlich auch ihren Kindern weitervermitteln.

Und wie machen sie das? Mit anderen Spielen und zwar mit kooperativen Spielen.

Also Spiele, in denen alle Spielerinnen und Spieler in einem Boot sitzen und gemeinsam gewinnen und verlieren. Und wenn unsere Theorie jetzt irgendwie stimmt, dann müssten wir eigentlich beobachten, dass Kinder sich anders verhalten, wenn sie miteinander und gegeneinander spielen und dass das irgendwie Konsequenzen hat auf deren prosozialen Verhalten.

Und wir haben das untersucht in der Studie. Und zwar haben wir geguckt, wie sich dieses miteinander und gegeneinander spielen auf das Teilen von Kindern auswirkt. Mit der Idee, dass Kinder mehr teilen, wenn sie miteinander spielen als gegeneinander. Und für diese Studie haben wir ein Spiel entwickelt mit einer Spieledesignerin. Und dieses Spiel, sehen Sie da. Und es war so in der Studie. Es kamen immer zwei Kinder ins Labor und die Kinder kannten sich gar nicht. Und die waren immer so zwischen vier und sechs Jahren alt. Und dann haben wir ihnen dieses Spiel gegeben und die konnten das gegeneinander spielen.

Und da ging das so, dass die das an den Seilen festgehalten haben, also einer an den roten und einer an den blauen. Und dann sollte einer die Murmel in das blaue Loch balancieren und die andere in das rote. Und wer das schafft, bekommt ein Punkt und dann wird am Ende ausgezählt und es gibt eine Gewinnerin.

Man kann das Ganze aber auch kooperativ spielen und das ist so, dass dann eine rote Murmel zum Beispiel in die Mitte gelegt wird und dann beide Spielerinnen gemeinsam die rote Murmel in das rote Loch balancieren müssen. Und es klingt jetzt erst mal trivial, aber für einen Experimental-Psychologen ist es einfach unglaublich toll, wenn man das gleiche Spiel hat und man das auf ganz unterschiedliche Arten spielen kann, weil es so richtig experimentell kontrolliert ist.

Und Sie denken jetzt wahrscheinlich - na ja, irgendwie rote Murmel da rein balancieren - das macht alles keinen Unterschied.

Ich habe mal ein Video mitgebracht von zwei Kindern, die das gegeneinander spielen. Ja ich habe gewonnen. Wir sehen das Wort "ich" kommt sehr häufig. Und es ist aus meiner Sicht irgendwie eine sehr angespannte Stimmung zwischen den Beiden.

Und mal zum Vergleich zwei Kinder, die das miteinander spielen. Genau. Wir haben gewonnen. Wir sehen das Wort "wir" kommt sehr häufig und da ist einfach eine ganz andere Grundstimmung. Und unsere Idee ist, dass Kinder, wenn sie diese Spiele spielen, den Kontext irgendwie aufnehmen und das ist dann ihr Teilverhalten beeinflusst und dass sie eben mehr teilen, wenn sie miteinander spielen als gegeneinander.

Und die Frage ist: Wie kann man eigentlich messen, wie Kinder teilen? Da gibt es ein Verfahren und es sieht so aus: Bei dem Verfahren ist es so, man gibt Kindern eine sehr, sehr wertvolle Ressource und zwar Sticker. Wir haben Kindern zehn Sticker gegeben und diese Sticker konnten sie aufteilen zwischen sich und einem anderen Kind. Und das konnten sie, das sehen Sie auf dem Bildschirm, in den Umschlägen aufteilen.

Und den Kindern wird gesagt, sie können es einfach machen, die Sticker in die Umschläge tun und das können sie einem Kind geben, das morgen in das Labor kommt und die dann abholt. Und wichtig ist hierbei, wir haben A den Kindern nicht zugeguckt und B das Kind ist nicht die Mitspielerin oder der Mitspieler, sondern ein fremdes Kind. Und dadurch wollten wir die allgemeine Bereitschaft zum Teilen messen.

Und was die Kinder nicht gemerkt haben, ist, dass während sie geteilt haben, einfach daneben direkt so eine Kamera war und einfach gefilmt hat, wie viele Sticker sie abgegeben haben. Und wir konnten dann zählen, wie viele Sticker die Kinder abgegeben haben. Und die Ergebnisse sehen Sie hier. Die y-Achse - das ist die, die von unten nach oben geht - die zeigt die Anzahl der geteilten Sticker. Und grün sind die Kinder, die miteinander gespielt haben vorher und rot gegeneinander.

Und was wir gefunden haben, ist genau das, was wir vermutet haben, nämlich dass Kinder mehr teilen, wenn sie miteinander gespielt haben im Vergleich zum gegeneinander spielen. Das heißt irgendwie ein bisschen was scheint an unserer Theorie dran zu sein. Und vielleicht sind Spiele unser kulturelles Gedächtnis. Aber wir dürfen eins nicht vergessen.

Wir haben diese Studie in Leipzig gemacht mit 100 Kindern und Leipziger Kinder sind unglaublich toll, aber die sind auch unglaublich unrepräsentativ für den Homo sapiens. Also wenn man Aussagen treffen möchte über die Menschheit an sich und wie wir uns entwickeln und was irgendwie in uns vorgeht und so weiter, dann müssen wir unsere Forschung in verschiedenen kulturellen Kontexten durchführen. Denn nur wenn wir Kultur mitberücksichtigen, können wir tatsächlich menschliche Entwicklung verstehen.

Und das ist auch der nächste Schritt bei diesen Studien, dass die eben in verschiedenen Kontexten durchgeführt werden.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Moderation Johannes Büchs: Theo. Vielen, vielen Dank. Wir haben Fragen. Also tolles, ganz spannendes Forschungsprojekt. Ich kam gleich auf die Frage: Gibt es vielleicht Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen was dieses Verhalten angeht? Habt ihr euch das auch angeschaut?

Theo Toppe: Also wir haben das, das deutete sich ja vielleicht in den Videos an, aber das war nicht so. Sondern wir haben keinen Unterschied zwischen Jungs und Mädchen gefunden. Die Effekte, also dieses auf das Teilen bezogene, war bei beiden Geschlechtern gleich.

Und wir hatten das auch nicht vermutet. Warum ich die Videos ausgewählt habe ist, dass Eltern Einwilligung geben müssen und nicht jedes Elternteil damit einverstanden ist, dass Videos gezeigt werden öffentlich. Deswegen vieles darauf und das ist eine exemplarische Darstellung, soll aber nichts über Geschlechtereffekte sagen.

Moderation Johannes Büchs: Ich dachte, wir haben ja heute noch einen Science Slam zu Hormonen und dann hat man vielleicht bei so Jungs ein bisschen mehr Testosteron und die vergleichen sich eher. Und aber da gab es keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern?

Theo Toppe: Nein. Also es ist mir auch, ich habe ja die Studien durchgeführt und es ist mir nicht aufgefallen. Also ich halte es auch für Quatsch zu sagen, Mädchen können nicht irgendwie kompetitiv sein oder so. Da wurden sich genauso, ich sage mal sehr harsche Worte an den Kopf geworfen und sich geärgert. Ich denke, dass es ganz normal ist, dass der Kontext da stärker ist.

Moderation Johannes Büchs: Wenn Sie sagen, ich habe auch noch eine

Frage - Benutzen Sie das Chatfenster und schreiben Sie Ihre Frage an alle. Dann leite ich die weiter an Theo Toppe. Theo, was ich mir auch überlegt habe: Du hast ja gezeigt, neun Punkte später, die haben sich gefreut, die Mädchen und dann wollten sie gleich die nächste Runde spielen. Bei dem Gegeneinander war es so, dass dann vielleicht die Ausdauer desjenigen, der verloren hat oder derjenige nicht mehr so groß war, dass man noch eine Runde spielen konnte?

Theo Toppe: Genau. Also wir haben in diesem experimentellen Design die Spielzeit kontrolliert. Also es waren immer exakt fünf Minuten und wenn halt eine Runde schneller ging, wurde halt noch eine gespielt. Aber was eine interessante Nebenbeobachtung war in diesem Experiment ist, dass Kinder beim Gegeneinander spielen auch tendenziell häufiger nicht mehr teilnehmen wollten, also irgendwann gesagt haben, ich möchte jetzt nicht mehr spielen. Und dann wird natürlich das Experiment sofort unterbrochen und das Kind kann zum Elternteil gehen. Und das war schon auch eine spannende Nebenbeobachtung, dass dieser Wettkampf schon auch eine sehr stressige Situation für Kinder ist. Es war ja auch ein sehr unmittelbarer Wettkampf, also ein Eins gegen Eins. Ich habe auch ganz wenig nur gesagt. Also da ist kein Erwachsener, der das irgendwie auffängt oder so. Genau deswegen kann es nicht an der Spieldauer liegen. Aber ja, das war eine interessante Nebenbeobachtung, die wir hatten.

Moderation Johannes Büchs: Es gibt jetzt auch Fragen von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Da gibt es zum Beispiel: "Wo ist die Studie veröffentlicht?"

Theo Toppe: Die Studie ist veröffentlicht in PLOS ONE. Das ist ein Open Access Journal. Das kann jeder sehen. Ich hatte unten glaube ich auch die Namen drin. Also Toppe, Hardecker, Haun 2019. Und wenn man glaube ich "Corporative Game" noch dazu eingibt, dann findet man es wahrscheinlich über Google sogar.

Moderation Johannes Büchs: Und das wird auch vorkommen in deiner Doktorarbeit denke ich, die ja dann bald veröffentlicht wird.

Theo Toppe: Ja, hoffentlich. Also die Verteidigung steht bald an.

Moderation Johannes Büchs: Sehr gut. Wir drücken die Daumen. Dann gibt es nochmal den Hinweis: "Aber ist Geschlecht nicht auch kulturell vermittelt?" Das ist schwierig zu beantworten, aber da gibt es sicher auch Einflüsse, richtig?

Theo Toppe: Ja klar. Also es ist vollkommen logisch, dass Geschlecht eine Sozialisation ist. Aber ich glaube, dass diese Situation, die wir in dem Experiment hatten, über das können wir ja Aussagen treffen jetzt erstmal, dass da der Kontext, also dieses Miteinander und Gegeneinander unglaublich stark war und dass man da quasi das letzte kooperative oder kompetitive Gefühl in den Kindern rauslocken konnte. Und das wollten wir ja auch.

Wir wollten diesen Kontext sehr bewusst stark machen und das dann wiederum die Geschlechtereffekte, die vielleicht da sind, nicht präsent waren. Also die haben wir nicht beobachtet. Also vielleicht sind sie auch da und wir haben sie nicht gefunden.

Moderation Johannes Büchs: Ja, aber das ist doch eine total spannende Beobachtung, dass die anscheinend dann im Hintergrund sind, weil sie nicht so einen starken Einfluss hatten. Du hast gesagt, ihr habt 100 Kinder untersucht. Immer in Zweiergruppen, das heißt 50 Spielrunden. Über welchen Zeitraum ging das denn?

Theo Toppe: Es ging sehr lange, weil es ging, glaube ich, ein halbes / dreiviertel Jahr. Weil natürlich steckt da eine wahnsinnige Organisation dahinter. Also Forschung mit Kindern ist nicht einfach mal so gemacht. Also da hängen natürlich Eltern mit dran, wenn die ins Labor kommen müssen, dann ist ein Kind krank, dann ist das eine Kind alleine im Labor, dann kann die Studie nicht stattfindet et cetera. Es gibt wahnsinnig viel Organisation dahinter. Und da haben wir in Leipzig wahnsinnig Glück. Wir haben da eine ganz, ganz tolle Infrastruktur, die wir nutzen können und ganz viele Eltern sind sehr motiviert teilzunehmen. Und wir kooperieren ja auch mit Kindertagesstätten, die auch immer aus meiner Sicht ein ganz hohes Interesse daran haben, da mitzumachen. Und genau, also es dauert schon eine Weile.

Moderation Johannes Büchs: Habt ihr einen Unterschied bei dem Alter festgestellt? In meiner Familie habe ich gemerkt, dass meine Kinder, wenn die relativ jung noch waren, dass sie da so ein Spiel mit Obstgarten - da spielt man gegen den Raben, alle zusammen gegen einen - das haben sie super hinbekommen. Aber wenn es dann im Gegeneinander war, ist auch dieses Verlierenlernen total schwierig, damit eben nicht sofort die Steine vom Tisch geworfen werden, "und jetzt spiele ich nicht mehr mit", wenn man eben einmal so eine negative Erfahrung gemacht hat oder mal verloren hat.

Theo Toppe: Also wir haben auch jetzt nicht ohne Grund uns vier- bis sechsjährige Kinder angeguckt. Das ist eine sehr, sehr spannende Altersphase was Kooperation und Wettkampf angeht, weil Kinder da wie so ein Verständnis auch aufbauen. Also wenn wir kooperieren, dann hab ich vielleicht auch Verpflichtungen einer anderen Person gegenüber und kann nicht einfach weggehen. Oder wenn wir im Wettkampf sind, dass es trotzdem Regeln gibt, an die wir uns erstmal alle halten. Also wie so ein Grundverständnis über den Wettkampf entwickelt sich in dieser Zeit und deswegen haben wir auch gedacht, vielleicht finden wir diese Effekte bei den jüngeren Kindern nicht, aber bei den älteren. Aber das war auch nicht der Fall, sondern wir haben das ab dem vierten Lebensjahr beobachtet. Aber es ist ja auch eine sehr enge Altersspanne. Also am liebsten hätten wir das auch noch mit Dreijährigen und Siebenjährigen und noch weiter gemacht. Klar, dann kann man auch noch ein bisschen mehr Aussagen treffen über Entwicklungsverläufe.

Moderation Johannes Büchs: Und wenn man es jetzt ganz genau nimmt, ist es aber doch auch ein Gegeneinander, wenn sie zusammen spielen, weil sie spielen ja gegen den Spielleiter oder demjenigen, der ihnen die Aufgabe gestellt hat.

Theo Toppe: Ja, das stimmt schon. Wobei man auch sagen muss, ich glaube nicht, dass die Kinder dachten, sie spielen gegen mich. Also ich habe mich sehr stark zurückgehalten. Das haben wir nicht gefragt, aber das war eigentlich selten oder eigentlich gar nicht, dass jemand dann mir gegenüber Wettkampfverhalten gezeigt hat.

Moderation Johannes Büchs: Es war dann eher eine abstrakte Aufgabe. Wir müssen das schaffen.

Theo Toppe: Genau, wir müssen das schaffen. Das kam ja auch, fande ich, in dem Video ganz gut deutlich, sodass das jetzt eigentlich nicht mir gehässig gegenüber war, "wir haben gewonnen und du nicht", sondern dass das eigentlich der Kontext in sich entsteht und dass diese Kooperation einfach ein ganz, ganz toller Raum ist für Kinder, sich auszuprobieren und dass sie da halt wirklich nochmal vielleicht auch Verhaltensweisen üben können, die sie sonst eigentlich nicht zeigen, weil sie nicht so hart fallen, weil nicht direkt ein Spiel verloren wird alleine, sondern weil man noch eine Gruppe, in diesem Fall jetzt eine Partnerin oder ein Partner, die einen auffängt in der Spielgemeinschaft.

Moderation Johannes Büchs: Und das habt ihr vielleicht auch so gelöst, weil mir ist schon aufgefallen, es gab keinen Blickkontakt zwischen Spielleiter und Spielenden, sodass ihr versucht, da nicht eine persönliche Situation zu schaffen. Das es wieder ein soziales Gegeneinander gegen den Spielleiter geben könnte.

Theo Toppe: Also man muss natürlich schon sagen, es läuft nicht so, dass die Kinder ins Labor kommen und ich verziehe keine Miene. Ja, klar. Aber während des Spielens gab es ja keinen Kontakt. Während des Spielens habe ich mich schon bemüht, mich zurückzuhalten. Klar, wenn Kinder Fragen stellen oder ich hab ja auch die Murmeln jetzt in dem Fall da weiter gegeben oder in den Apparat getan. Genau. Natürlich findet da Interaktion statt und teilweise, das war auch rückblickend jetzt, ist es auch eine nicht natürliche Situation für ein Kind, an einem Experiment teilzunehmen. Wir von Forscherseite wollen die Situation maximal standardisieren. Wir wollen alles genau gleich haben. Immer fünf Minuten Spielzeit und so weiter. Und das ist für Kinder eigentlich nicht machbar oder mit Kindern nicht so leicht machbar. Und deswegen versucht man da immer so eine gewisse Beziehung aufzubauen, aber gleichzeitig nicht zu sehr sich zu engagieren, während die Kinder dann spielen. Also das ich zum Beispiel Partei ergreife für ein Kind, wenn sie gegeneinander spielen und ich mich mitfreue. Das wäre zum Beispiel auch eine Verzerrung der Situation gewesen.

Moderation Johannes Büchs: Eine letzte Frage zum Abschluss Theo. Gibt es eine Empfehlung für zum Beispiel Kindertagesstätten von Spielen? Also ich hatte jetzt im Kopf dieses Obstgartenspiel, da weiß ich zufällig, da spielt man gegen einen, gegen den Raben. Aber gibt es noch ein anderes Spiel, was du empfiehlst?

Theo Toppe: Also ich würde natürlich unser Spiel sehr empfehlen. Nein, ich würde nicht sagen, es geht jetzt genau um dieses eine Spiel und das irgendwie machen. Ich glaube einfach das Verständnis, dass man auch kooperative Spiele auf dem Schirm hat und die mal einbringt. Ich sage auch gar nicht, dass kompetitiv gegeneinander spielen immer schlecht ist. Da lernt man auch viel mit dem Verlieren umgehen et cetera. Das sind auch Situationen, die ein Lernwert haben. Aber dass man versucht, irgendwie die ganze Gruppe im besten Fall gemeinschaftlichen in eine Aktivität einzubinden und eben Raum zu schaffen, der für Kinder sicher ist, wo sie ohne eine Angst zu scheitern, neue Verhaltensweisen ausprobieren können.

Moderation Johannes Büchs: Theo, herzlichen Dank. Vielen Dank für das wirklich sehr lebendige Vorstellen deiner Forschungsergebnisse. Und für Sie heißt das jetzt, wenn Sie sagen, ach der ist jetzt schon mal ein Kandidat für mich, für nachher und meine Stimme, haben Sie das im Hinterkopf. Es kommen aber noch zwei weitere Slammerinnen und deswegen bitte ich dich jetzt einmal, die Bühne freizumachen und ich stelle Ihnen die nächste im Wettbewerb vor. Vielen Dank, Theo.

 

Dr. Franca Parianen 

Wir sehen gleich Franca Parianen. Sie hat an einer Hochschule ihre Doktorarbeit gemacht und am Helmholtz Institut der Universität Utrecht studiert und ist zu ihrem Thema gekommen eigentlich durch Oliver Sacks. Sie hat nämlich als Neurowissenschaftlerin Sacks gelesen und da ist was hängengeblieben. Deswegen ist ihr Thema eben auch Hormone. Und wir freuen uns jetzt auf Franca Parianen. Franca, ich bitte dich zu uns.

Franca Parianen: Hallo. Freue mich, hier zu sein.Es geht um Hormone. Auch das Thema passt eigentlich gut in unseren Kontext, besser als man vielleicht auf den ersten Blick glauben würde. Also Hormone. Wir kennen die vielleicht als die kleinen Teilchen, die das Leben managen, das Universum und den ganzen Rest. Oder wie wir sagen würden: Stimmungsschwankungen. Das ist natürlich längst nicht alles, was Hormone tun oder was ich mache.

Aber bleiben wir erst einmal dabei: Was tun Hormone eigentlich? Da ist unsere Vorstellung so ein bisschen in den fünfziger Jahren hängengeblieben. Das heißt, wir denken an Hitzewallungen, an Totalausfälle – kurz zusammengefasst alles, was Elon Musk gerade so macht. Und dann kann man sich natürlich schon hin und wieder fragen: Why thow? Also was soll das Ganze und muss das sein? Und auch da sind unsere Antwortmöglichkeiten so ein bisschen fünfziger Jahre lastig.

Wir denken an Hormone als nervige Nebeneffekte von irgendeiner Körperfunktion oder auch als evolutionäres Überbleibsel von einer Zeit, als Brusttrommeln noch als Flirtstrategie durchging. Im schlimmsten Fall nutzlos, im schlimmsten Fall schädlich. Auf jeden Fall was, was man als rationaler Mensch eher ignorieren sollte. Dabei tun wir ihnen damit in mehrerlei Hinsicht Unrecht, also den Hormonen, Sie wissen schon.

Was machen also Hormone? Hormone sind Botenstoffe. Sie kommen von den Drüsen und sie gehen über die Blutbahn quasi überall hin und überbringen Nachrichten. Zum Beispiel sagt uns Cortisol, wann die Sonne aufgeht. Melatonin sagt uns, wann sie untergeht. Und wie gut das funktioniert, das macht unter anderem den Unterschied zwischen Morgenmenschen und Morgenmuffeln. Jetzt könnte man natürlich sagen: Aber brauche ich dafür noch dieses System? Ich hab doch schon das Nervensystem mit dem Gehirn und das ist mir weniger suspekt, das finde ich beruhigend. Können die nicht die Nachrichten überbringen? Das Problem damit ist so ein bisschen - Das Nervensystem funktioniert so ähnlich wie Brieftauben. Es gibt ein klares Ziel. Dann macht es sich auf den Weg, folgt einer vorgefertigten Bahn und kommt dann als einmaliges Signal bei uns an.

Das ist praktisch und schnell, aber im Vergleich haben Hormone den Vorteil, dass sie ganz viele Teile unseres Körpers gleichzeitig erreichen können, so ähnlich wie Twitter. Und sie können auch eine längere Diskussion auslösen. Das ist praktisch, denn in den meisten Zeiten wollen wir ja, dass alle Teile unseres Körpers, einschließlich unseres Gehirns, zusammenarbeiten und sich nicht gegenseitig unterminieren. Anders gesagt: Was bringt es uns, wenn die Beine rennen und der Kopf macht noch Sudoku? Gerade in Paniksituationen ist das nicht hilfreich.

In diesen Zeiten wollen wir ja das Ganze, wir wollen die Gänsehaut, die geweiteten Pupillen, das rasende Herz und das ratternde Gehirn. Anders gesagt - Wir wollen, dass unser Salience System mit dabei ist, das sind so ein bisschen diese tieferliegenden Gehirn Areale, die wichtig sind zur Verarbeitung von Aufmerksamkeit und Gefahr. Auch für Motivation ist das wichtig. Wir wissen zum Beispiel, entspannt können wir eine ganze Menge tolle Sachen machen. Aber viele Höchstleistungen vollbringen wir eben mit Anreizen. Am besten mit positiven, versteht sich. Und im schlimmsten Fall tut es auch Kaffee.

Das heißt aber nicht, dass Hormone uns jetzt nur aufgeregt machen können, im Gegenteil. Manche können uns auch beruhigen und entspannen. Serotonin hat zum Beispiel so einen Effekt. Da verbindet es aber weniger an die Hirnareale, von denen wir gerade gehört haben, also dieses Salience-Netzwerk sondern eher so an den präfrontalen Bereich, die Exekutive. Der Teil unseres Gehirns, der dem Rest sagen kann, dass er mal die Klappe halten soll. Wie machen Hormone das? Sie können zum Beispiel direkt an Zellen andocken nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Und wenn so ein Hormon da angedockt hat, kann es zum Beispiel dafür sorgen, dass eine Zelle nicht mehr reagiert. Ganz egal,wie oft sie aktiviert wird. Oder auch, dass die gleiche Zelle überreagiert.

Eine andere Möglichkeit ist, Hormone können über sogenannte Transportproteine in den Zellkern vordringen und dann dafür sorgen, dass die Gene das umsetzen, was in ihnen geschrieben steht, also zum Beispiel Proteine bauen und Rezeptoren. Das ist ein ganz wichtiges Mittel, weil damit können sie so ein bisschen an unserem Gehirn rummodeln. Hormone spielen zum Beispiel eine wichtige Rolle dabei, wie diese Teile unseres Gehirns miteinander vernetzt sind, das Denkende und das Fühlende. Und das ist wichtig. In vielen Situationen brauchen wir die gut gekoppelt, gerade soziale Situationen. Denn wenn wir uns emotional abschotten, werden wir nicht unbedingt hilfsbereiter. Das gilt übrigens auch, wenn wir emotional überfordert sind und der Kortex kein Wort dazwischen bringt. Auch in solchen Situationen sind wir nicht immer die sozialste Variante unserer selbst.

Damit kommen wir so ein bisschen zu dem, was ich mache. Ich gucke mir Hormone an und frage: Wie wirken die jetzt in sozialen Situationen? Sind die da hilfreich? Sind die kontraproduktiv? Angefangen so ein bisschen mit einem der Klassiker.

Wir haben es gerade schon gehört. Testosteron, immer so ein bisschen bekannt als Aggressionsmolekül. Das ist eigentlich unfair. Es ist wichtig für Status und natürlich auch für Sex, weswegen Gorillas immer so ein bisschen so aussehen, als würden sie für Tinder posieren. Wie wirkt das jetzt auf dieses Gehirngefüge? Naja, es verlagert so ein bisschen das Gewicht in Richtung dieser Salience-Ebene, aber da weg von den Gefahren hin zum Gewinn, hin zur möglichen Belohnung. Und im Kopf wird das ganze gleichzeitig ein bisschen von dieser mahnenden Stimme des Kortex. Das heißt im Endergebnis sind wir zwar emotional, aber dabei durchaus vorwärts gewandt. Und so sehen auch unsere Problemlösungsstrategien unter Testosteron aus, die hin und wieder sogar gut ausgehen. Manchmal auch nicht.

Aber was bedeutet sowas jetzt für den sozialen Kontext? Wir können uns vorstellen, dass es uns nicht unbedingt sozial sensibler macht. Wir treffen manchmal Entscheidungen, die andere gefährden oder im Bestfall wenigstens nur uns selbst. Und wie soll so sowas jetzt in der Familie funktionieren, wenn noch andere Kinder anwesend sind? Naja, man kann sich denken, dass das gar nicht so einfach ist und die ersten Studien schienen in diese Richtung zu gehen. Das heißt, wir können sehen, dass beim Menschen und auch bei anderen Spezies Testosteron, gerade im Familienkontext mit dem Vater werden, stark runtergeht. Und daraus hat sich so ein bisschen diese Idee ergeben - Aha, das heißt doch bestimmt, also Kinder sind der Feind von Männlichkeit beziehungsweise man muss seine Männlichkeit aufgeben, um ein guter Vater zu sein.

Aber dieses wunderschöne Bild so zu interpretieren, wäre natürlich sexistische Kackscheiße. Eigentlich sieht es nämlich ganz anders aus und das sind so Sachen, die man gerade erst aufdeckt in der Forschung. Zum Beispiel wissen wir heute, dass Testosteron eigentlich rauf geht, wenn wir Kinder schreien hören und das Testosteron unser Gehirn stärker auf das Kinderschreien reagieren lässt.

Was was wir im Labor noch gefunden haben, gerade eingereicht die Studie, ist zum Beispiel, dass wir auch stärker auf Kinder in Not reagieren unter Testosteron, nämlich mit stärkerem Stirnrunzeln. Das heißt, es spielt eigentlich wahrscheinlich doch eine Rolle. Nicht nur unbedingt bei Fürsorge und Liebe, die Kinder brauchen, sondern manchmal brauchen sie auch schnelles Handeln. Das ist im Moment die Arbeitshypothese. Testosteron ist durchaus wichtig im Familienkontext. Aber wahrscheinlich ist die Frage wann und wie und zu viel ist wahrscheinlich auch nicht gut. Wir brauchen es vor allen Dingen in den Situationen, schnelle Testosteron Pieks, wo es um Schutz geht.

Anderes Beispiel, Oxytocin. Auch so ein Klassiker. Kennen Sie vielleicht als Kuschelhormon. Es macht tatsächlich Soziales für uns belohnend. Sorgt dafür, dass wir uns in sozialen Kontexten wohlfühlen. Und tatsächlich sorgt es eher für eine stärkere Kopplung zwischen Denken und Fühlen. Und das ist das richtige Mindset für das Soziale.

Jetzt muss man allerdings auch sagen, dass es da Unterschiede gibt, individuelle. Manche Leute fühlen sich in solchen Fürsorgekontexten total wohl, andere Leute finden das eher überschätzt. Das ist beides völlig okay. Unsere Frage war mehr: Wie kommt es zu solchen individuellen Unterschieden? Und wenn man sich angucken möchte, individuelle Unterschiede im Sozialleben, in der Emotionsverarbeitung macht es immer Sinn sich die Kindheit anzugucken. Denn Kinder sind ziemlich schnell emotional überfordert. Das hat damit zu tun, dass diese Verbindung, über die wir die ganze Zeit reden, eigentlich am Anfang unseres Lebens nicht wirklich ausgeprägt ist.

Am Anfang können wir vor allen Dingen sehr gut den Verstand ausschalten, wenn wir mal in Panik geraten. Das ist gut und wichtig. Aber alles andere müssen wir mit viel Geduld und Liebe lernen. Was passiert jetzt aber in Situationen, wenn wir unter verhärteten Bedingungen aufwachsen? Um das zu verstehen, können wir uns die Epigenetik angucken. Epigenetik, das sind Veränderungen, die nicht direkt unsere DNA beeinflussen. Die bleibt ziemlich stabil. Das kennen wir noch aus dem Biologieunterricht. Aber indirekt, zum Beispiel über sogenannte Methyl-Ketten, die sich an die DANN anlagern können. Das heißt, dieser Teil des Codes kann nicht mehr abgelesen werden. Und wir wissen alle, manchmal braucht man an einem Gesamtbild gar nicht so viel zu verändern, damit eine ganz andere Nachricht dabei rauskommt.

Auf biologisch gesagt, diese beiden Mäuse sind genetisch gesehen Zwillinge. Der einzige Unterschied liegt in der Epigenetik. Wir können uns das beim Oxytocin- und Cortisol-System zum Beispiel angucken, indem man Mäuse als Kinder sehr oft hoch nimmt. Das stresst die immer so ein bisschen. Und der Effekt davon ist, dass man eben an den Genen vom Stress-System oder vom Oxytocin-System diese Anlagerungen sehen kann. Wenn man dagegen den Stress wieder wegnimmt, na und dann können sie natürlich ein bisschen aufgeregter aufwachsen im Endergebnis.

Wenn man dagegen den Stress wieder wegnimmt und gleichzeitig die Mutter durch Bürsten ersetzt, bei Mäusen funktioniert das top, dann sehen wir diese Anlagerungen verschwinden. Und das ist tatsächlich etwas, was wir jetzt auch gerade im Kindheitskontext probieren beziehungsweise schon längst bevor wir die Mechanismen verstanden haben, probiert haben. Sogenannte Kangaroo Care, kennen die Eltern bestimmt. Und ich kann es gar nicht oft genug sagen. Natürlich funktioniert das auch mit Vätern. Was soll denn das Baby sagen - Da sind Haare dran, da kann ich nicht arbeiten? Haare greifen sind seit ziemlich vielen Evolutionsjahren unsere Spezialität.

Letztes Stück noch - Die Studie, die wir gemacht haben. Wir haben uns eben angeguckt bei aversiven Kindheitserfahrungen, wie wirkt das zusammen mit dem Oxytocin-System darauf, wie wir auf erwachsene Gesichter und Kindergesichter reagieren. Und was wir dabei gefunden haben, ist eben, dass das Oxytocin-System eine Rolle spielt damit, ob wir auf Trauma so reagieren, dass wir vielleicht zu schwach auf andere Leute reagieren und Schwierigkeiten haben, sozial sensibel zu sein, die Emotionsausdrücke zu verarbeiten oder ob wir vielleicht zu stark auf andere Leute reagieren und dadurch eher Ängste bekommen. Und das zeigt uns auch diese Maus. Es gibt eben zwei Arten, wie wir auf schwierige Erfahrungen reagieren können. Einmal mit zu vielen Ängsten, aber auch, indem wir manchmal zu entspannt sind und vielleicht nicht damit klarkommen, wenn wir dann in einer Gefahrensituation sind, auszuweichen. Das sind beides verschiedene Reaktionen und wir entdecken gerade erst beides.

Zusammengefasst: Es gibt also ganz viel, was es noch zu lernen gibt. Und solange wir das alles noch herausfinden, diese langfristigen Konsequenzen, ist für uns das sinnvollste, gut auf unsere soziale Kompetenz aufzupassen. Gerade jetzt in den Zeiten mit der Pandemie. Das Wichtigste ist: Bindung, Bindung, Bindung und dass wir alle zusammen gut durchkommen. Der Mensch hat so schöne soziale Fähigkeiten. Gewusst ist nur - wie. Vielen Dank.

Moderation Johannes Büchs: Liebe Franca, vielen, vielen Dank. An dieser Stelle darf ich vielleicht einen kleinen Werbeblock machen. Wir haben es eben gerade gesehen. Es gibt ein Buch, "Hormongesteuert ist immerhin selbst gesteuert" - Wer sagt ja, da muss ich jetzt noch mehr wissen, dann kaufen Sie sich das gerne. Wenn Sie aber auch sagen, ich will sofort mehr wissen, dann nutzen Sie die Chatfunktion und schreiben Sie Fragen an Franca, die ich dann sehr gerne weitergebe an sie. Ich habe auch schon einige. Die erste: Wie viele Stunden YouTube musstest du gucken, um all die Videos zusammen zu bekommen, Franca?

Franca Parianen: Das dauert schon eine Weile, aber ich gehöre zu den glücklichen Menschen, die im Internet browsen können und sagen können: "Das ist hier Arbeit". Und kriegst du dann auch manchmal welche geschickt und sie sagen Franca, das wäre -was für dich? -Ja, hin und wieder oder beziehungsweise Freunde schicken mir irgendwas mit dem "Hier, das ist doch was". Also einfach nur zum Lachen und man sieht es sofort und denkt: Aha, das sagt mir doch. Also das sind eigentlich schöne Momente, wenn man so ein Video sieht und merkt - Oh, -das passt ja eigentlich genau.

Moderation Johannes Büchs: Du hattest ganz oft diese eine Folie, wo zwei Areale im Gehirn quasi miteinander kommunizieren.

Franca Parianen: Zwei Netzwerke.

Moderation Johannes Büchs: Ja, zwei Netzwerke. Ist es in der einfacheren Vorstellung das Großhirn und das Kleinhirn oder ist das was komplett anderes?

Franca Parianen: Also weniger das Kleinhirn. Eher Vorderhirn, also der Neocortex ist dieser neue Teil, der präfrontale Teil.

Moderation Johannes Büchs: Zeigt mal an deinem Kopf - Wo ist das?

Franca Parianen: Vorne. Vorderhirn genau. Und das andere ist mehr so das limbische System.

Moderation Johannes Büchs: Und das ist evolutionär älter und das sind eher die starken Gefühle. Und hier vorne kann ich eher kontrollieren.

Franca Parianen: Also vorne ist wirklich der Teil, den wir uns so in den letzten Evolutionsjahren und auch so im Laufe der Kindheit anarbeiten. Und der ist schon zum Beispiel bei Schimpansen auch größer, aber bei Menschen ist er eben noch ein Stück größer. Und interessanterweise korreliert die Größe gerade des Vorderhirns sehr stark mit der Gruppengröße von einer Spezies. Das heißt, wenn wir eben in einer sehr komplexen Gesellschaft aufwachsen, brauchen wir diese kognitiven Ressourcen, eben die Emotionskontrolle und die Möglichkeit, uns in andere hineinzuversetzen, verstehen, was die von uns wollen, zu verstehen, dass das nicht unbedingt das gleiche ist wie das, was sie sagen und so weiter und so fort. Es gibt Theorien und zwar sehr überzeugende eigentlich, die zeigen, dass das Soziale eigentlich einer der Gründe war, warum wir dieses massive Gehirn brauchten. Weil es ist nicht so, dass wir mit wahnsinnig tollen Mathekenntnissen geboren werden.

Moderation Johannes Büchs: Aber das heißt dann auch, dass ist evolutionär jünger und braucht in der zum Beispiel Kindheitsentwicklung auch länger, bis es dann so arbeitet, wie vielleicht irgendwann mal bei einem aufgeräumten Erwachsenen. Es gibt auch andere. Und dann ist vielleicht ja gerade die Phase – über die wir eigentlich hier uns ganz viel Gedanken machen, nämlich die Phase, wo Kinder in eine Tageseinrichtung gehen oder wo sie eben betreut werden - eine ganz wichtige, um diesen Bereich weiterzuentwickeln.

Franca Parianen: Absolut genau. Man braucht eben sozialen Kontext, um das auszuarbeiten und so. Und überhaupt, was eine sehr spannende Erfahrung ist, was man sagen kann - dieser Sozialkontext. Wir tendieren ja immer dazu zu denken: Kita, das ist jetzt etwas ganz neues oder liegt das in unserer Natur? Aber eigentlich, wenn wir uns diese Zeit angucken - Einer der Hauptgründe, warum sich Menschen in Gruppen damals zusammengeschlossen haben, war die Idee, dass wir die Kinderversorgung allein nicht geschmissen bekommen, weil unsere Kinder eben so klein und hilflos sind, auch im Vergleich zu allen anderen Spezies. Und das heißt eigentlich die Grundidee, dass wir mit vielen Menschen aufwachsen, ist ein ganz großer Vorteil in unserer Evolution. Und das sieht man auch zum Beispiel, wenn man sich anguckt, Kinder, die eine große Risikoprognose haben, weil zum Beispiel die Eltern sehr ängstlich sind, also eine Angststörung schon haben, die haben eine relativ große Chance, dann selber später ängstlich zu werden, wenn sie aufwachsen. Denn die Eltern machen sich Sorgen. Das Kind macht sich Sorgen über das, was die Eltern gerade gedacht haben und so weiter.

Das ist immer so ein Teufelskreis. Und bei solchen Sachen ist es immer, dass man gucken kann, wer ist denn außerhalb in der Erziehung noch beteiligt gewesen? Also wie viel Unterstützung haben die Eltern bekommen? Gab es andere Personen, die wichtig waren in der Erziehung? Und das ist die beste Prognose, die wir haben dafür, dass wir es eben schaffen, nicht jeden Knacks mitzunehmen, den uns unsere Eltern mitbringen. Mein Supervisor hat es mal so formuliert: "Die Kernfamilie ist die radikale Idee."

Moderation Johannes Büchs: Die Kernfamilie wäre die radikale Idee. Weil evolutionär es eher zu uns Menschen passen würde, in einer größeren Gemeinschaft Kinder zu betreuen und eine Familie, eine Gemeinschaft zu bilden. Das ist irgendwie ganz logisch, wenn man das jetzt so hört. Wenn wir jetzt mal in den Alltag gucken, in Kindertageseinrichtungen, dann ist es doch manchmal ein sehr, sehr schmerzhafter und anstrengender Prozess, diesen vorderen Bereich weiter zu trainieren, dass Ängste oder Wut und so was besser kontrolliert werden können. Gibt es irgendetwas, was du vielleicht einem Erzieher oder einer Erzieherin mitgeben kannst, außer haben Sie Geduld? Immer wieder in den Arm nehmen damit die richtigen Hormone ausgeschüttet werden. Aber gibt es noch etwas, was du sagen würdest, das ist zentral für den Kindergarten, für die Kindertageseinrichtung, für die Kita?

Franca Parianen: Also grundsätzlich ist es in den Arm nehmen eben. Bindung ist das Wichtigste. Und wir tendieren immer mal wieder dazu, alte Erziehungsansätze aufzuwärmen und sowas zu sagen, wie "schreien lassen" und "sie müssen das lernen." Die Kinder können sich in der Zeit nicht selbst beruhigen. Die brauchen eben diese Unterstützung dabei, die Ruhe wieder zu finden und ansonsten steigern sie sich immer weiter rein und weiter rein. Ich verstehe natürlich, wenn man jetzt eine Kita betreibt, dass es dann eine schwierige Situation sein kann und man ist manchmal überfordert. Ich finde es nur einfach wichtig, dass wir uns verabschieden von diesen Ideen, dass man Kinder schreien lassen sollte und einfach sie begleiten auf dem Weg, sich selbst zu beruhigen. Das ist eigentlich das, was wir am wichtigsten hinkriegen können in dieser ganzen Zeit.

Moderation Johannes Büchs: Wir haben auch noch eine Frage von einer Zuschauerin oder einem Zuschauer: "Kann Kita gerade für sehr junge Kinder nicht auch Stressauslöser oder Stresspräger sein, wenn die Bedingungen eher schlecht sind?

Franca Parianen: Ja, absolut genau. Also auch was ich gerade gesagt habe mit der Evolution, das war natürlich eine andere Situation. Da hat man nicht wenige Leute mit einem ganzen Heer von Kindern allein gelassen, sondern hat eben Großeltern und Eltern und Tanten und große Geschwister und so. Das war eine viel stärkere Durchmischung. Wir tendieren ja immer so ein bisschen dazu, alles in kleine Kategorien einzuordnen - altersgerecht.

Moderation Johannes Büchs: Also der Betreuungsschlüssel in der Steinzeithöhle war nicht eins zu zehn.

Franca Parianen: Genau.

Moderation Johannes Büchs: Gut, das halten wir schon mal fest.

Franca Parianen: Und es gibt tatsächlich auch Zeichen, die sagen, dass es gerade eben wenn die Bedingungen schlecht sind, für das Kind sehr, sehr stressig sein kann. Und natürlich ist das etwas, worauf wir achten sollten. Deswegen gibt es ja auch diese wunderschönen Studien. Es hat mal ein Wirtschaftsnobelpreisträger ausgerechnet, dass so jeder Euro, den wir in die Frühförderung investieren, nicht nur Förderung, sondern auch einfach Frühfürsorge investieren, mindestens das Zwanzigfache wieder auswirft. Also das ist eigentlich die Zeit, wo wir viel Geld und Ressourcen investieren sollten als Gesellschaft und es merkwürdig, dass wir uns nicht darauf einigen können.

Moderation Johannes Büchs: Das ist vielleicht der perfekte Teaser für den ersten Vortrag um 12 Uhr. Wenn Sie heute nicht in den Workshops sind, da werden wir jemanden vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung haben und da geht es genau in die Richtung. Ich hab noch eine Frage. Die kommt hier aus dem Teilnehmerkreis: "Wie heißt das Buch?" Die kann ich beantworten, nämlich: "Hormongesteuert ist ja immerhin selbstbestimmt, Hormon gesteuert ist immerhin selbstbestimmt". Und Franca Parianen, ich weiß aber auch, ich habe das mal von einer Forscherin erklärt bekommen, dass Menschen durch ihre Genetik ganz unterschiedlich mit Stress umgehen. Es gibt Forschungsergebnisse, dass der eine auf den Stress anders reagiert als jemand anderes. Man kann das in der Genetik wohl feststellen, weil vielleicht ein Hormon weniger stark ausgeschüttet wird. Bedeutet das, manche Kinder brauchen mehr Kontakt, Schmusen, in den Arm nehmen, um eine gleich stressige Situation zu verarbeiten, als andere Kinder?

Franca Parianen: Ja, absolut genau. Also man kann schon sagen, dass wir viel von den Erfahrungen auch unserer Eltern und Großeltern mitbekommen haben. Und wir fangen gerade erst an das zu entdecken, diese ganzen Zusammenhänge, wie vielleicht ein Trauma unserer Großeltern uns noch zwei Generationen später beeinflussen kann. Und natürlich das was unsere Großeltern weitergegeben haben, haben sie an unsere Eltern weitergegeben. Und denen fällt es dann auch vielleicht ein bisschen schwierig, mit dem Kind eine Bindung aufzubauen. Und dann sitzen wir als Kind da und bekommen Dinge von allen Seiten. Einmal haben wir eben genetischen Veranlagungen, die wir noch nicht ganz durchblickt haben, die aber auch durchaus auch reflektiert, was wir an Erfahrungen gemacht haben. Und gleichzeitig haben wir die Eltern, die vielleicht auch von der Situation überfordert sind und überfordern uns dann gegenseitig. Und natürlich, wenn ich dann in eine Kita komme, habe ich andere Bedürfnisse als ein Kind, das vielleicht schon ganz ruhig ist und schon Selbstwirksamkeit erfahren hat und grundsätzlich dieses Urvertrauen hat von: wenn ich schreie, kommt irgendwann jemand und ich werde nicht einfach im Wald ausgesetzt.

Moderation Johannes Büchs: Ist das nicht auch eine total schwierige Voraussetzung für Kindertageseinrichtungen? Ich merke das, weil ich Vater von Zwillingen bin. Die sind ganz unterschiedlich. Und die kommen in dieselbe Situation. Die eine genießt es, feiert es, findet es großartig, will da sofort wieder hin und die andere sagt: "Fand ich blöd, mag nach Hause, mag was anderes machen." Und wirklich, sie haben das gleiche Essen bekommen, haben gleich viel Muttermilch bekommen. Also es sind Zwillinge und sie reagieren so unterschiedlich. Und ich habe immer das Gefühl - Persönlichkeit. Und da hast du gar keinen Einfluss drauf.

Franca Parianen: Nein, das ist tatsächlich was ganz Schönes, was man eigentlich Leuten mitgeben kann. Und zwar haben wir früher immer von Anfälligkeit geredet. Also wir haben gesagt, dieses Kind ist anfällig dafür, in einer schlechten Situation besonders zu leiden und Anfälligkeit gegenüber Resilienz. Aber dann klingt Anfälligkeit immer wie so was Blödes. Diese Leute haben die Gene mitbekommen, wo sie, wenn sie in einer schwierigen Situation aufwachsen, sich danach blöder benehmen. Was soll sowas? Und erst später haben wir drüber nachgedacht - das wäre ja eigentlich doof. Warum sollte es so etwas geben in der Evolution, dass die einfach manchen Leuten Gene mitbringen, wo sie viel eher einen Schaden erleiden? Und heute weiß man, dass man viel eher von Adaptivität reden sollte. Das heißt, es gibt manche Kinder, die sind eher ein bisschen plastischer aufgelegt, auch von den Genen des Hormonsystems her. Und andere sind weniger beeinflusst von dem, was um sie herum passiert. Das kennen Sie vielleicht aus der Pädagogik. Die haben sich das ausgedacht, bevor wir das bestätigen konnten. Da geht es um die Orchideenkinder und Löwenzahnkinder. Löwenzahnkinder sind eben diese Kinder, die egal wo, wachsen können, auch auf Beton oder einem wunderschönen Beet. Das ist eigentlich egal. Sie wachsen ganz wunderbar und man kann sie jetzt düngen oder irgendwelche tollen Halterungen kaufen, aber das ist eigentlich egal, weil ein Löwenzahn bleibt ein Löwenzahn. Und das sind eben so genetische Veranlagungen, wo wir weniger so darauf reagieren, was in unserer Umwelt passiert und stärker einfach das Programm leben, was in unserer DNA geschrieben steht. Und andere sind eben diese Orchideenkinder. Die bringen mehr plastische Veranlagung mit. Und das bedeutet einerseits, dass sie schlechter auf ein schlechtes Umfeld reagieren, aber auch mehr aufblühen in einem guten Umfeld.

Und ich finde es eigentlich sehr schön, sich das zu sagen. Gerade in so einem Bildungs-Erziehungs-Zusammenhang, dass gerade die Kinder, wo man sich am meisten Sorgen macht, vielleicht diejenigen sind, die am meisten davon profitieren, wenn sie Nähe erfahren und wenn man es versucht.

Moderation Johannes Büchs: Dann bleibt als letzte Frage nur noch: Franca, bist du Orchidee oder Löwenzahn?

Franca Parianen: Schwer zu sagen. Mir fehlt ein Kontroll-Kind.

Moderation Johannes Büchs: Nun, Sie können das ja auch für sich oder für die Kinder in Ihrer Einrichtung mal durchgehen, wer eine besondere Aufmerksamkeit braucht. Und das ist auch gleich wieder an Fairness- und Gerechtigkeitsdiskurs, der da entstehen kann. Weil wenn man die Löwenzahnkinder dann vielleicht ein bisschen links liegen lässt - sie brauchen ja nicht so viel Aufmerksamkeit und entwickeln sich ja so oder so - dann ist das ja nicht unbedingt gerecht oder passt zu unserem Gerechtigkeitsverständnis. Oh man Franca, so spannend. Ich könnte noch eine halbe Stunde mit dir reden. Aber die Zeit ist vorbei. Vielen vielen Dank. Und wir haben ja noch eine dritte in der Runde, bevor wir dann zum großen Finale kommen.

Also nochmal Dankeschön und ein drittes Mal: Das Buch "Hormongesteuert ist immerhin selbstbestimmt".

 

Dr. Diana Marossek

Die letzte Slammerin, die wir hier begrüßen, ist Diana Marossek. Sie hat ihre Doktorarbeit an der Technischen Universität Berlin geschrieben und auch den Deutschen Studienpreis gewonnen. Sie ist zu ihrem Thema gekommen, obwohl sie nichts mit Linguistik zu tun hatte, weil plötzlich alle, von denen sie es erwartet hatte, so gesprochen haben, wie sie es jetzt gleich erklären wird. Und niemand konnte dazu wissenschaftlich etwas sagen. Das hat sie also zu ihrem Thema gemacht. Auch sie hat ein Buch geschrieben, sage ich später. Aber jetzt freuen Sie sich erst einmal auf Diana Marossek. Bitteschön, Diana.

Diana Marossek: Hallo. Schön, dass ich heute bei Ihnen sein darf. Meine Forschung heißt: "Ist das Deutsch oder kann das weg?" Das ist eine neue Alltagssprache für den Kita-Alltag. Wie schon vorgestellt wurde, ich bin Soziolinguistin. Und Soziolinguistin heißt: Wer sagt was, wann, wie, in welchem Kontext. Also sagt zum Beispiel jemand: "Crem" oder "Creme"? Und was macht das mit ihm? Also wer ist der bessere Mensch, der der "Kaffe" sagt oder der der "Café" sagt? Wir Soziolinguisten dürfen die Leute in kleine Schubladen tun. Also das ist sozusagen unser Beruf. Wo habe ich angefangen zu forschen? Es war so, dass ich auf einmal Sätze hörte wie: "Wir gehen Spielplatz, ich komme Kino, kommst du Bahnhof?" Und ich dachte, das kann ja wohl nicht wahr sein. Wo kommt denn das her? Und habe überlegt - Gut, wenn ich mich diesem Thema widme und Google dazu nichts weiß, muss ich ja irgendwie die Leute zum Sprechen bringen. Und ich kann sie ja nicht einladen und sagen: "Hallo, ich möchte gerne mal hören, wie blöd du sprichst." Das funktioniert nicht.

Also habe ich mich in Bahnen begeben, in Schulen. Ich habe viel an Schulen geforscht. Mittlerweile und es passt ganz gut, dass ich heute hier bin, forsche ich auch viel in Kitas, also bei jüngeren Kindern und natürlich auf der Straße. Also ich laufe rum und höre den Leuten zu. Oder ich fahre hier in Berlin mit der Ringbahn, die fährt eine Stunde in die eine Runde und eine Stunde in die andere Runde und dann steigen die Leute ein und aus. Und ich habe die soziale Durchmischung, die ich eigentlich brauche, um zu gucke: Wer spricht denn eigentlich so?

Aber was ist denn so? Bevor wir wissen, was so ist, müssen wir erst erst einmal, wie immer in der Wissenschaft, uns Zahlen angucken. Ich hatte 5.580 anonyme Probanden in letzter Zeit. Das sind diejenigen, die in den Bahnen waren. Dann hatte ich 1.395 namentliche Probanden. Das sind diejenigen, die ich in den Schulen beobachten konnte, also die Schülerinnen und Schüler. Ich habe 1.230 Gespräche aufgenommen, davon konnte ich 900 Dialoge verwenden. Die Doktorarbeit hat 399 Seiten, dann hatte ich keine Lust mehr. Das Buch ist auf 156 Seiten reduziert und ich habe seit zehn Jahren mich mit dem Thema auseinandergesetzt. Und das ist das Ergebnis. Super oder? Gut, dass ich die Forschung selber finanziert habe.

Nein, jetzt mal im Ernst. Ich hatte ein Problem, weil ich wusste nicht, wie ich das nennen sollte, was ich untersucht habe. "Hast du Auto? Ich gehe mal Bäcker." Da gibt es dann so Begriffe wie "Türkendeutsch, Dönerdeutsch, Assisprech, Kanackensprache". Das sind alles Begriffe, mit denen ich nicht wirklich etwas zu tun haben wollte, weil sie nicht das treffen, was ich aussagen möchte. Ich möchte ja keinen diskriminieren. Also kam dann "Kiezdeutsch". Aber Kiezdeutsch war so "mh", weil die einen wissen nicht, was sie mit Kiez anfangen sollen. Also habe ich mich für "Kurzdeutsch" entschieden und "Kurzdeutsch" fässt es sehr, sehr gut zusammen, was es eigentlich ist. Da haben wir zum Beispiel die Artikelvermeidung.

Die Artikelvermeidung wäre dann sowas wie: "Guck dir Ball an". Weil wir haben in Deutschland sowieso so ein kleines Problem mit den Artikeln. Tagsüber ist es "der Weizen, das Korn". Abends ist es "das Weizen und der Korn". Also wer sieht denn da noch durch? Genau. Außerdem gibt es die Kontraktionsvermeidung. Das ist so was wie: "Ich gehe Frühschicht. Ich komme Elternversammlung." Dann die Artikelvermeidung "Guck dir Ball an", wie wir sie gerade besprochen haben. Code-Switching bedeutet, ich benutze Elemente aus verschiedenen Sprachen, zum Beispiel "Käsebrötchen Yalla" oder "I love you mein Schatz" oder "ich bin im Meeting", ist auch so was Schönes. Code-Switching hat nicht nur mit Kurzdeutsch zu tun, ist aber ein wichtiges Element davon. Das kennen Sie wahrscheinlich aus Ihrem Kita-Alltag, wenn Kinder mit verschiedenen Muttersprachen kommen, dass sie Sie ansprechen und der eine halbe Satz ist deutsch und der andere halbe Satz ist dann türkisch und es einfach so gemischt wird.

Dann gibt es das Phänomen "ich schwöre", mit dem Mustersatz "Ich schwöre." Das gibt es dann mehr bei älteren Kindern. Dann die "Isch-Laute", "Isch bin Kita." Den Kurzartikel "de Beutel, de Integration, de Tag" und die rituelle Beschimpfung, die habe ich Gott sei Dank auch noch nicht bei kleineren Kindern erlebt. Sowas wie "Du Knecht, du Opfer, du Missgeburt". Das heißt aber nicht, dass wir Knechte, Opfer und Missgeburten sind, sondern die rituelle Beschimpfung heißt, wir haben uns lieb. Das heißt, wenn man sich gegenseitig opfert oder sagt "Du Opfer, du Missgeburt", dann heißt es eigentlich "Ich habe dich lieb".

Also das ist auch sehr wichtig für Eltern zu wissen, wenn das dann immer heißt "Reich mal Butter, du Opfer", heißt das "Papa, gib mir bitte mal die Butter."

Gut, ich gehe nochmal ein bisschen in die Tiefe, weil das Weglassen von Artikel und Präposition habe ich tatsächlich auch sehr oft bei jüngeren Kindern erlebt. Eigentlich sollte es ja heißen: "Wir gehen zum Spielplatz." Also eigentlich heißt das: "Wir gehen zu dem Spielplatz." Das sagt aber keiner, weil sich das viel zu geschwollen anhört. Und im Kurzdeutsch heißt es dann: "Wir gehen Spielplatz." Und das eigentliche Problem ist, dass es sozusagen keine Jugendsprache mehr ist, sondern mittlerweile eine Erwachsenensprache geworden ist. Dazu gehe ich auch gleich noch ein. Die Erwachsenensprache führt dazu, dass keiner mehr berichtigt. Wenn die Erwachsenen sagen "Wir gehen Spielplatz", dann lernen die Kinder das auch nicht. Und das ist eine Sache, die ich zum Beispiel in meinem Schulstudium beobachtet habe. Kein Lehrer hat irgendjemanden korrigiert.

Und darum würde ich Sie bitten, wenn ich Ihnen das jetzt so als kleine wissenschaftliche Aufgabe mitgeben kann: bitte, bitte korrigieren Sie Ihre Kinder, wenn Sie keine Artikel benutzen, keine Präpositionen. Sagen Sie es einfach. Und das Kind merkt das schon. Das Kind hört es schon. Weil dadurch, dass es auch auditiv aufgenommen wird, bleibt es viel einfacher hängen, als wenn Sie einfach drüber weggehen. Sprache ist nämlich unser wichtigstes Erkennungsmerkmal. Und wenn wir das verlieren, dann geht auch die Sprachtiefe weg.

Weglassen von Artikeln - von "Sobald kommt der Weihnachtsmann" zu "Bald kommt Weihnachtsmann." Diese klassische Artikelvermeidung, die sehe ich zum Beispiel auch bei meinem Sohn. Der ist mittlerweile sieben. Das macht er auch gerne. Und Sie können darauf schwören, dass ich wirklich immer die Artikel benutze.

Hier gibt es auch immer so ein bisschen die Diskrepanz, wenn ich mit den Erzieherinnen und Erziehern spreche, dass sie sagen "Ja, das ist die normale Sprachentwicklung, dass sie die ganzen Artikel nicht können, die Kinder." Ja aber trotzdem müssen Sie aufpassen, dass wir hier kein Kurzdeutsch legen. Denn Kurzdeutsch ist, wie ich gesagt habe, keine Jugendsprache mehr und sie geht immer mehr in die Alltagssprache, in unsere Umgangssprache über. Und da zeige ich Ihnen gleich nochmal sehr, sehr viele Beispiele, die ich gefunden habe, die ich immer von Leserinnen und Lesern zugeschickt bekomme oder selber entdecke auf meinen Reisen durch Deutschland.

Um das ein bisschen zu verdeutlichen, habe ich Ihnen einen Baum gemalt. Sie müssen sich das vorstellen: Unten haben wir die zwei Wurzeln. Das eine sind das multiethnische Zusammenleben in Städten und Gemeinden, also Einflüsse aus dem Türkischen, Arabischen, Bosnischen, unsere deutsche Sprache und dann die bestehenden Dialekte, die wir haben. Zum Beispiel wir Berliner sagen ja auch gerne mal: "Ich bin auf Arbeit." Na, da rollen sich bei Ihnen in Hannover die Fußnägel hoch. Würden Sie nie sagen. Für mich hört sich das ganz normal an. Und das alles fließt zusammen und geht nach oben in den Stamm. Und da haben wir sowas wie Jugendsprache als Katalysator. Das heißt, die ziehen sich raus, was sie gerade gut finden, womit sie spielen möchten, was sie verfremden möchten. Und wir Erwachsenen schauen natürlich da hin zu den Jugendlichen und sagen: "Ach so ein bisschen jugendlich sein, noch so ein bisschen Jugendkultur, das hätte ich auch gerne" und übernehmen das in unsere Gesellschaft.

Und so bleiben Sachen hängen, die wir eigentlich vielleicht gar nicht haben wollen. Ich hab ein paar Beweise, zum Beispiel steht ganz unten: "Wir sind Rechtsstaat" oder "Mach kein Auge, mach Ausbildung", "Wir können Hauptstadt." Dann gibt es natürlich die Graffiti-Sprüher, die auch ein bisschen genervt sind davon und einfach mal die ganzen Deklinationen von männlich und weiblich und Genitiv und Dativ an die Wand gesprüht haben. Dann gibt es sowas wie: "Wir backen, du König"; "Deutschland hat Reizdarm"; "Keine Lust mehr auf Pille?". Das muss man sich mal überlegen, da ist ein Medikament, das als DIE Pille bekannt ist. Alle wissen, worum es geht. Unter Hunderttausenden. Und die lassen einfach den Artikel weg. Dann "Wir sind Fisch", haben sie bestimmt auch schon mal gesehen. "Wunstorfer Bauverein, weil besser." -

Sie sehen, wir haben es hier mit einer Sprache zu tun, die in der Gesellschaft drin ist. "Abitur 2015 -hab ich nicht gerafft, aber doch geschafft." Das war mal zu schnell. "Bionade, weil ehrlich gut"; "Ich mach dich Tofu"; "Ich hab' Knie"; "Euch zeig' ichs"; "Alda, wo is Internet schon wieder?"; "Wir sind Schule". Und hier ist auch ganz toll: "Bitte nutzen Sie zweite Treppe der Bahnsteige 3 bis 10" – Ist ja nicht so, dass das "die" nicht noch dahin gepasst hätte, hinter dem Sie. So und das ist jetzt sozusagen die Kernbotschaft, die ich Ihnen mitgeben möchte für Ihren Alltag. Ich will Zukunft. Also geben Sie gerne unseren Kindern auch eine Zukunft, indem Sie schön mit Artikeln sprechen, Präpositionen und immer wieder korrigieren, auch wenn es vielleicht lästig ist. Danke, Ihr Opfer.

Moderation Johannes Büchs: Liebe Diana, vielen, vielen Dank für deinen Beitrag. An Sie nochmal den Hinweis jetzt: Fragen sind möglich über das Chatfenster. Und ich habe gleich ganz viele. Ich bin wirklich so ein bisschen hin und hergerissen, weil ich liebe zum Beispiel den Genitiv. Ja und wer war das? Ich glaube der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Also das wurde auch schon mal vor zehn bis fünfzehn Jahren lang diskutiert. Aber ich habe das Gefühl, es ist im Fernsehen, es in der Werbung. Eigentlich hat der Genitiv schon verloren, den gibt es gar nicht mehr. Und jetzt fühle ich mich manchmal altmodisch, wenn ich sage "Das ist dessen Auto" und nicht "dem sein Auto". Muss man nicht vielleicht dann auch irgendwann akzeptieren, dass eine Sprache sich verändert, weil sie das ja auch über Jahrhunderte getan hat? Oder sollte ich deiner Meinung nach kämpfen für den Genitiv?

Diana Marossek: Ich möchte den Genitiv draußen lassen. Also ich finde es richtig, dass sich die Sprache verändert. Das ist völlig in Ordnung. Ich mag auch den Sprachwandel. Und mich interessiert auch, wie die Leute damit spielen und das alles verkürzen. Und zum Beispiel das Wort "geil", das sagt heute jeder. Die Hochzeit war richtig geil, der Urlaub war geil. Vor 50 Jahren war das so "Huch, er hat geil gesagt. Ich wasche ihm mal mit Seife den Mund aus". Nein, mir ist es nur wichtig, dass so ein bisschen die Grammatikstrukturen erhalten bleiben. Also dass wir wirklich mit der, die, das sprechen; zum und zur, weil wir sonst ein bisschen die Sprachtiefe verlieren. Weil ich finde es schon wichtig, wenn wir uns sagen "Wir treffen uns Bahnhof", ob wir uns auf, am, neben, vor, hinterm Bahnhof treffen. Das ist einfach so ein bisschen auch für die Gehirnstruktur, für das Lernen, sehr wichtig, dass wir die komplexe Sprache annehmen.

Moderation Johannes Büchs: Es gibt so eine tolle Aktion, die heißt glaub ich "Kommata können Leben retten. Komm, wir essen Opa". Komm, wir essen, Opa. Oder?

Diana Marossek: Komm, wir essen Opa. Genau.

Moderation Johannes Büchs: Oh und wir haben auch schon Fragen. "Korrigieren - Was ist mit Familien, die nicht der deutschen Sprache mächtig sind? Reicht die Korrigierung in den Einrichtungen?"

Diana Marossek: Ja, das reicht vollkommen. Das reicht vollkommen, weil kleine Kinder sind sehr, sehr intelligent, sehr flexibel, sehr vielseitig. Und man kennt ja auch Kinder, die drei oder vier Sprachen parallel lernen. Das ist sehr, sehr gut. Also wenn zuhause kein Deutsch gesprochen wird, sprechen Sie sehr, sehr gutes Deutsch in der Einrichtung und Sie geben dem Kind sehr, sehr viel mit.

Moderation Johannes Büchs: Also ich kenne das auch so von Pädagoginnen und Pädagogen, die sagen: Wenn ich etwas falsches höre, dann gehe ich nicht in diesen Korrekturmodus, du hast das falsch gesagt, sondern ich wiederhole es korrekt, sodass das Kind keine negative Reaktion bekommt und ermuntert wird weiter zu sprechen, aber es einmal richtig hört. Und das wäre dann auch deine Empfehlung, wenn du von Korrigieren sprichst?

Diana Marossek: Das kommt darauf an. Also wir haben gerade von Löwenzahn- und Orchideen-Kindern gehört und so ähnlich ist es auch. Manchen Kindern muss man das dann richtig sagen. Also ich muss zu meinem Sohn auch sagen "Du, das heißt richtig so." Und er war dann auch dankbar für die Korrektur. Aber natürlich gibt es auch Kinder, die dann zurückschrecken und sich negativ gedemütigt fühlen. Da macht man das, dass man das einfach nochmal nach spricht.

Moderation Johannes Büchs: Das passt vielleicht auch zu der Frage: "Gehen Sie bitte nochmal auf die Art des Korrigierens ein." Also ich habe jetzt verstanden, es gibt zwei Möglichkeiten. Einmal ich höre es falsch, dann habe ich es aber verstanden, wiederhole es richtig, damit es zurück gespiegelt wird. Man sagt es anders. Es bleibt vielleicht hängen. Aber für die Kinder, die resistenter sind, für die würdest du dann auch empfehlen zu sagen: "Hör nochmal genau hin." Und das hat dann vielleicht auch was mit dem Alter zu tun, oder?

Diana Marossek: Das hat sich auch sehr bewährt, hat mir auch eine Pädagogin gesagt, dass man so Alternativbeispiele macht. Also wenn "Gib mir mal Apfel. Gib mir mal DEN Apfel" - Was ist denn, wenn ich jetzt eine Banane haben wöllte? Wie würde das dann heißen? Also wenn man das Kind richtig einbezieht und fragt und dann sagt es "Oh, ich hätte gern DIE Banane." Also das ist einfach, dass es noch Alternativbeispiele gibt. Aber ich bin mir ganz sicher, dass Sie da in Ihrem Alltag ganz spielerisch Möglichkeiten finden, dass Ihren Schützlingen beizubringen.

Moderation Johannes Büchs: Jetzt hast du ja auch ein Buch geschrieben. Es heißt: "Kommst du Bahnhof oder hast du Auto?" - Ist das dann eine Sammlung von den schönsten Stilblüten, die dir in der Bahn und auf der Straße begegnet sind?

Diana Marossek: Nein, das ist es nicht. Das Buch, das ist populärwissenschaftlich geschrieben. Ich hab es auch selber nochmal gelesen. Es liest sich sehr leicht, aber da sind die ganzen Phänomene nochmal en détail erklärt. Also was ist denn das mit dem Code-Switching? Warum sagt sich "I love you" viel einfacher als "ich liebe dich"?Und wie können wir da gegen? Also es ist so eine Mischung aus Unterhaltung und wissenschaftlicher Literatur.

Moderation Johannes Büchs: Jetzt müssen wir gerade den Kartoffelsack über unseren Kopf ziehen und Diana bitten dich, nicht hierhin zu gucken, weil hier steht "Gut ist Kita".

Diana Marossek: Ja, ich weiß. Ich habe auch schon überlegt, ob ich mir mal ein Foto mache.

Moderation Johannes Büchs: Ja. Also gut ist die Kita, wenn sie großartige Fachkräfte hat. Wir können uns jetzt auch nicht rausreden, wie bei der Bahn, dass ...

Diana Marossek: Das ist wieder die Werbung. Also ich hoffe natürlich, dass das dann so hängenbleibt. Also der Sinn dieser Kampagne ist ja, dass es dann im Kopf bleibt. Aber die Werbung geht schon in die Richtung des verkürzten Sprechens und wir dürfen uns davon eigentlich nicht überlisten lassen.

Moderation Johannes Büchs: Aber ich weiß, als Journalist, es ist einfach eine ganz große Verlockung, etwas kleiner, kürzer, kürzer zu machen, weil es prägnanter ist. Also die größte, vielleicht die stärkste Überschrift der letzten 20 Jahre in der Bild-Zeitung: "Wir sind Papst" - Die wäre nicht so stark, wenn sie grammatikalisch korrekt gewesen wäre.

Diana Marossek: Richtig. Ich habe auch mit Journalisten gesprochen und habe gesagt: "Warum schreibt ihr so?" Na, weil unser Gehirn nicht daran gewöhnt ist. Wir stocken kurz, wir lesen: "Hä steht da wirklich gutes Kita" und dann lesen wir wahrscheinlich den Rest. Also es macht schon eine Aufmerksamkeit im Gehirn.

Moderation Johannes Büchs: Gut, das wäre die eine Sache, Aufmerksamkeit. Ich kann auch bewusst die Eltern ärgern, auch Aufmerksamkeit. Und das Zweite ist aber vielleicht schon auch die Kürze. Twitter, eine Kurznachricht. Dann lasse ich vielleicht auch Dinge weg, die nicht unbedingt notwendig sind zum Verständnis.

Diana Marossek: Chatten ist ein ganz großer Faktor und gerade noch die Zeit, wo SMS Geld gekostet haben. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch daran erinnern. Wir mussten mal bezahlen, für jede Textnachricht, die wir verschickt haben.

Moderation Johannes Büchs: Und da war es noch schlimmer. Hier kommen gute Fragen.

Diana Marossek: -Ja, sehe ich schon. Super.

Moderation Johannes Büchs: Wie sieht es denn mit dem Dialekt aus? Sollen wir in der Kita den regionalen Dialekt sprechen oder nicht? Was meinst du?

Diana Marossek: Ich finde Dialekte ganz toll. Ich finde das sagt viel über die Identität der Kinder. Natürlich wird es auch in Schulen unterrichtet. Und die kriegen das super hin, dass sie auch das Hochdeutsch in der Schule lernen.

Moderation Johannes Büchs: Aber ich kenne das so in Einrichtungen, dass zum Beispiel wenn es eine Erzieherin oder einen Erzieher gibt, der dauernd Englisch spricht mit den Kindern, es klar nach Personen getrennt wird. Würdest du das dann auch empfehlen?

Diana Marossek: Ja, also wenn man den Dialekt nicht spricht, wenn ein Berliner nach Bayern geht oder andersherum, dann ist das künstlich. Das ist nicht authentisch, das merken die Kinder auch.

Moderation Johannes Büchs: Ja, wobei das Bayrisch das lernt man schnell. Aber das heißt, du würdest es dann auch Personen zuordnen. So wie wir den englischen oder den spanischen Erzieher haben, so haben wir auch den bayerischen oder den pfälzischen oder den Berliner Erzieher, der berlinert.

Diana Marossek: Genau. Das kennt man ja aus der Zweisprachigkeit. Übrigens wenn Mama Italienerin ist und Papa Engländer - Das Kind kriegt es mit den zwei Sprachen erst richtig hin, wenn beide ausschließlich ihre Sprache sprechen. Wenn die untereinander anfangen, irgendwie zu mischen, dann gibt es für das Kind Probleme.

Moderation Johannes Büchs: Und kannst du gut berlinern?

Diana Marossek: Nein, ich komme aus der Mitte Berlins. Da wird nicht berlinert

Moderation Johannes Büchs: Aber so ein bisschen was kannst du. So ein J statt einem G.

Diana Marossek: Ja, aber nein.

Moderation Johannes Büchs: Hattest du denn das Gefühl, dass bei deiner Forschung - du warst ja wahrscheinlich dann auch schon viel in Berlin unterwegs - dass dieser regionale Einfluss noch eine größere Rolle spielt, weil zum Beispiel im Süden mehr Dialekt gesprochen wird auch in anderen sozialen Schichten, als im Norden Deutschlands?

Diana Marossek: Ja, also das ist mir sehr aufgefallen. Mir ist übrigens auch aufgefallen, dass wir Berliner viel empfänglicher sind für diese tückischen Strukturen. Zum Beispiel für dieses "Kommst du Bahnhof?", Oder sowas ähnliches - "Ich bin mit Fahrrad oder "ich bin mit Auto", sagen wir in Berlin. Das ist ja genau das Gleiche wie "ich bin Kino". Und darum, wenn das Gehirn schon dran gewöhnt ist, ist man viel, viel anfälliger. Den Kölnern geht es ähnlich.

Moderation Johannes Büchs: Und dann gibt es vielleicht auch ein paar Multiplikatoren oder Trendsetter. Ich meine, "ich hab Knie" oder sowas, kommt doch aus dem Ruhrpott. Da gab es einmal "Ich hab Rücken" oder es war glaube ich Nordrhein-Westfalen, Genau.

Diana Marossek: Das setzt sich dann einfach durch. Es ist ja auch schön und lustig, wenn man das alles kann. Aber es gibt halt auch die Leute, die das nicht können. Und das hab ich gerade bei Schülerinnen und Schülern gesehen aus eher schwierigen sozialen Verhältnissen, dass die das dann einfach nicht mehr können.

Moderation Johannes Büchs: Okay. Hier gibt es nochmal die Bitte, deinen Namen zu nennen und das Buch. Also Diana Marossek. Und das Buch ist "Kommst du Bahnhof oder hast du Auto?", Hanser-Verlag. Für?

Diana Marossek: 16,90 Euro.

Moderation Johannes Büchs: Gut investiertes Geld.

Diana Marossek: Oder 15,90 Euro sogar.

Moderation Johannes Büchs: 15,90 Euro. Ja, warum nicht? Vielleicht eine gute Idee für ein Geschenk oder für die Kita-Bibliothek.

Diana Marossek: Ja, und wenn ich noch was sagen darf, wenn Sie Beispiele aus Ihrem Alltag haben für mich, schicken Sie mir die gerne zu. Einfach eine E-Mail schreiben. Also man kann mich ganz gut googeln. Schreiben Sie mir eine E-Mail. Schreiben Sie mir Beispiele. Schreiben Sie mir auch gerne noch Fragen, weil ich forsche in einem Gebiet, was davon lebt, dass man zugearbeitet kriegt und dass man sich mit dem Alltag der Menschen auseinandersetzt.

Moderation Johannes Büchs: Diana hab vielen, vielen Dank. Dankeschön. Ich würde jetzt, wenn es geht, alle alle drei Slammer hier nach vorne bitten. Der Theo, der musste glaube ich schon in den nächsten Termin. Vielleicht, wenn ihr euch mit 1,50 Meter Abstand stellt - Geht das? Da haben wir aber keine Kamera - Also einfach 1,50 Meter Abstand, ich weiß nicht, kriegen wir das hin? Nickt einmal. Ihr seid so gut. Theo denken wir uns jetzt noch mit. Eigentlich war ja die Idee, Sie dürfen abstimmen: Wer war die oder der Beste. Jetzt haben wir aber nach dem Slam von Theo gedacht, dieses Gegeneinander ist total doof. Und wir haben auch tatsächlich drei Preise. Deswegen sagen wir, Sie können gerne im Kopf abstimmen, wen Sie gut fanden. Kaufen Sie das entsprechende Buch oder schreiben Sie eine nette E-Mail. Aber wir haben Preise für alle, damit es hier ein Zusammen und nicht ein Gegeneinander ist. Darf ich vielleicht die Preise? Also ihr guckt jetzt glücklich in die Kamera und ich bin sofort wieder da. Dankeschön. Die Preise, das ist ein Sammelsurium. Es gibt zum Beispiel ein Frühstücksbrett für euch. Es gibt eine aus recycelten Plastik Frühstücksdose für euch. Es gibt ein sehr schönes, hochwertiges Buch, wo man sich zum Beispiel schöne Formulierungen aus der U-Bahn reinschreiben kann. Und noch ein paar andere schöne Kleinigkeiten. Alles möglichst nachhaltig und ökologisch hergestellt. Und weil ich jetzt angefasst habe, kann ich es nicht überreichen, sondern werde es desinfizieren und dann später überreichen, nämlich in der Pause, die Sie sich wohl verdient haben. Nochmal an alle Slammerinnen und Slammer.

Vielen, vielen Dank. Digitaler Applaus.

Workshops

In den Workshops erhielten die Teilnehmenden spannenden Input aus Praxis und Wissenschaft, diskutierten gemeinsam und arbeiteten in Kleingruppen an konkreten Fragestellungen.

Workshop 1: KiTa 4.0 – Potenziale digitaler Medien nutzen

Was kann ich dazu beitragen, eine gemeinsame Haltung zum Thema Digitalisierung im Team anzustoßen und zu entwickeln? Wie kann angemessen mit Vorbehalten aus dem Team umgegangen werden? In diesem Workshop diskutierten die Teilnehmenden gemeinsam mit Doris Gießenberg und Mieke Matthes (PINGUIN Kindertagesstätte Aurich e.V.) sowie Eva Reichert-Garschhammer (Staatsinstitut für Frühpädagogik), wie digitale Medien in der Praxis der frühen Bildung sinnvoll eingesetzt werden können und wo sie für die Zusammenarbeit mit Eltern Vorteile bringen – vor allem in Krisenzeiten.

Eva Reichert-Garschammer: Kita 4.0. Potenziale digitaler Medien nutzen - Perspektiven der Wissenschaft am Beispiel des Bayerischen Modellversuchs mit 100 Kitas

Workshop 2: Für ein starkes Team – Kita-Leitungen als Motor der Qualitätsentwicklung

Teamentwicklung, Führung, Personalplanung – dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der zahlreichen Aufgaben von Kitaleitungen. Nach kurzen Vorträgen von Carola Pfannschmidt (AWO-Kindergarten „Am Fuchsgrund“, Erfurt) und Prof. Dr. Kirsten Fuchs-Rechlin (Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte) wurde in diesem Workshop über Rollenverständnisse und Kompetenzen diskutiert und gemeinsam konstruktive Ideen dazu entwickelt, wie Teams wertschätzend geführt und weiterentwickelt werden können.

Carola Pfannschmidt: Für ein starkes Team – Kita-Leitungen als Motor der Qualitätsentwicklung
Der Loch-in-den-Bauch-Podcast „Kita-Leitungen als Motor der Qualitätsentwicklung“ (Gute-KiTa-Podcast #3)

Workshop 3: Partizipation von Anfang an – Wie Kinder gute Qualität mitentwickeln

Was ist Kindern in der Kita und der Kindertagespflege wichtig und wie finden sie Gehör? Diesen Fragen gingen die Teilnehmenden im dritten Workshop nach und sprachen gemeinsam mit Cornelia König (Kita Güstener Spatzen, Güsten) und Prof. Dr. Iris Nentwig-Gesemann (Universität Bozen) darüber, wie Kinderrechte umgesetzt werden können – insbesondere auch in herausfordernden Zeiten.

Workshop 4: Zielgruppe Familie – Eltern erfolgreich einbinden

Wie können die Familien in den Blick genommen werden und wie kann ein produktives Miteinander aussehen? Bildungspartnerschaften auf Augenhöhe entstehen, wenn Familien und Fachkräfte gemeinsam an einem Strang ziehen. Wie dies gelingen kann, welche Stolpersteine auf dem Weg hin zu einer guten Zusammenarbeit zu überwinden sind und welche Chancen und Herausforderungen durch die besonderen Bedingungen der Corona-Pandemie entstehen, war Schwerpunkt dieses Workshops. Input und Denkanstöße lieferten Patricia Ortmann (Förderbündnis Familienzentrum Königsberg, Biebertal), Ulrike Grosse-Röthig (Bundeselternvertretung der Kinder in Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege) und Katrin Macha (Internationale Akademie Berlin und Institut für den Situationsansatz).

Katrin Macha: „Gemeinsam an einem Strang ziehen“ – wie Fachkräfte und Familien gut zusammenarbeiten
Ulrike Grosse-Röthig: Zielgruppe Familie – Eltern erfolgreich einbinden

Workshop 5: Vielfalt wertschätzen – Wie Inklusion schon mit den Jüngsten gelingt

Frühe Bildung, Betreuung und Erziehung soll alle Kinder einschließen. Im fünften Workshop diskutierten die Teilnehmenden gemeinsam mit Andrea Milewski (Inklusive WABE-Kita, Lauenburg), Julia Afgan (Berufsfortbildungsnetzwerk Gemeinnützige Bildungseinrichtung des DGB GmbH) und Dr. Eveline Gersznowicz (Bundesverband für Kindertagespflege), wie Inklusion und Vielfalt in der Praxis gelebt werden kann und welche Herausforderungen Fachkräfte dabei meistern.

Andrea Milewski: Inklusion in Kindertagesstätten im U3-Bereich – „Ein Haus der Kinder“
Dr. Eveline Gerszonowicz: Alle Kinder sind gleich – jedes Kind ist anders. Inklusion in der Kindertagespflege
Julia Afgan: Inklusion im U3- Bereich

Workshop 6: Heute schon an morgen denken – Nachhaltigkeitsthemen in der Praxis verankern

Unter dem Motto „Je früher, desto nachhaltiger“ wurden in diesem Workshop konkrete Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten vorgestellt und diskutiert, wie das Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Praxis verankert werden kann. Dabei stand die Frage im Fokus, wie nachhaltiges Denken und Handeln als Zukunftskompetenz von Kindern gefördert werden kann. Den fachlichen Input lieferte Susanne Schubert (Innowego Forum Nachhaltigkeit und Entwicklung, Bonn).

Susanne Schubert: Mit Kindern Nachhaltigkeit entdecken. Bildung für nachhaltige Entwicklung
Gute-KiTa-Knowhow #4. Wie lernen Kinder, heute schon an morgen zu denken? – Prüfbaustein „Bildung für nachhaltige Entwicklung in der KiTa“

Vortragskanal

Wem der Sinn nach fachlichem Input, aber ohne aktives Beteiligungselement stand, der konnte sich im parallel zu den Workshops laufenden Vortragskanal wissenschaftliche Impulse zu aktuellen Fragen und Themen der frühen Bildung ansehen. Die Vorträge widmeten sich insbesondere auch Herausforderungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und Mut machenden Beispielen. Anders als die Workshops stand der Vortragskanal mittels Livestream nicht nur den Teilnehmenden der Konferenz, sondern auch weiteren Interessierten offen.

Vortrag 1: „Ungleiche Bildungschancen in gesellschaftlichen Krisen“

Prof. Dr. Katharina Spieß, DIW Berlin

In ihrem Vortrag berichtet Prof. Dr. Katharina Spieß über Bildungsungleichheiten im Bereich der frühkindlichen Bildung, die trotz des Kita-Ausbaus und des Rechtsanspruches noch bestehen und welche Kinder davon besonders betroffen sind.

Dann möchte ich Sie noch einmal ganz herzlich begrüßen.

Ich selbst bin Bildungs- und Familienökonomin und möchte Ihnen aus dieser Perspektive das Thema ungleiche Bildungschancen in Normalzeiten, aber auch in gesellschaftlichen Krisenzeiten mit einem kurzen Impuls sehr ans Herz legen. So, jetzt wollte ich eine nächste Folie. Kleinen Moment. Dann geh ich hier weiter. Ich möchte, wie ich schon gerade sagte, auch zunächst mal einen Aufschlag machen, wie ungleich Bildungschancen in Deutschland tatsächlich sind im Bereich der frühen Bildung. Ich habe hier dazugeschrieben "trotz des Kita-Ausbaus, trotz des neuen Rechtsanspruches". Das wir tatsächlich jetzt einen Rechtsanspruch haben für Kinder, wie wir alle wissen, ab dem zweiten Lebensjahr. Mit diesem Rechtsanspruch war vielfach auch die Hoffnung verbunden, dass Ungleichheiten tatsächlich abnehmen. Ich kann Ihnen aber gleich vorwegnehmen, dieses ist leider nicht der Fall.

Lassen Sie mich anfangen mit dem Bereich der Kinder unter drei Jahren. Inwiefern haben wir hier Bildungsungleichheiten? Inwiefern stellen die sich in den unterschiedlichen Bereichen auch unterschiedlich dar? Sie finden hier eine erste Grafik der Kita-Nutzung nach unterschiedlichen Gruppen. Einmal der Unterschied nach der Bildung der Mutter und einmal der Unterschied nach dem Migrationshintergrund der Eltern. Was mir hier sehr wichtig ist, dass wir nach wie vor den Befund festhalten können, dass Kinder, deren Mütter ein geringeres Bildungsniveau haben, im Vergleich zu Kindern von Akademikern in Kitas, wenn wir den Bereich unter drei betrachten, wirklich unterrepräsentiert sind, eine sehr viel geringere Nutzungsquote haben.

Was Sie hier nicht abgetragen sehen, was wir aber in vielen Studien immer wieder berichten, ist, dass dieser Wirkungsunterschied über die Zeit sogar zunimmt beziehungsweise mit dem Rechtsanspruch keinesfalls abgenommen hat. Wir haben auch und dies wird in der Öffentlichkeit immer wieder diskutiert auch große Nutzungsunterschiede nach dem Migrationshintergrund der Eltern.

Allerdings und dieses ist mir ganz, ganz wichtig, ist der Unterschied derart, dass wir primär Unterschiede haben, wenn wir Eltern betrachten, die einen oder keinen Migrationshintergrund haben gegenüber der Gruppe von Kindern, bei denen beide Eltern einen Migrationshintergrund haben. Bei der Gruppe der Kinder, deren beide Eltern einen Migrationshintergrund haben, haben wir nach wie vor ein sehr, sehr viel geringeres Nutzungs- oder eine sehr, sehr viel geringere Teilnahme auch an Kindertageseinrichtungen, als bei den anderen Kindern.

Bemerkenswert ist, dass es kaum noch Unterschiede gibt, wenn Sie Kinder betrachten von Eltern, die keinen beziehungsweise wo nur ein Elternteil einen Migrationshintergrund hat. Auch diese Unterschiede haben mit dem Kita-Ausbau zugenommen und sind mit dem Rechtsanspruch keinesfalls zurückgegangen, haben nicht abgenommen. Diese Befunde, dass wir also primär sozioökonomisch bessergestellte Kinder, die keinen Migrationshintergrund haben beziehungsweise nur ein Elternteil mit Migrationshintergrund haben, in den Kitas haben, ist ein Befund, der auch uns als Bildungs- und Familienökonomen sehr umtreibt. Wir wissen, dass diese Kinder von einer Kita besonders profitieren.

Deshalb haben wir uns sehr intensiv mit den Gründen befasst, für diese selektive Nutzung, damit die Politik auch weiß, wo sie ansetzen kann, wenn sie diese Gruppen verstärkt in die Kitas bringen möchte. Gründe für die Bildungsungleichheiten im Bereich der unter Dreijährigen unterscheidet sich in dem Bereich der Rationierungen, im Bereich der Informationsdefizite, in dem der Zahlungsbereitschaft und auch die Qualität. Diese Begriffe mögen Ihnen jetzt relativ abstrakt erscheinen. Ich möchte Ihnen ganz kurz erklären, was es damit meint. Wenn wir uns anschauen, wie unterschiedlich ... [Bitte mal das Hintergeräusch ausmachen, das ist auch für die Vortragenden etwas irritierend. Vielen herzlichen Dank!]

Wie ist es mit der Kita-Nutzung nach dem Alter des Kindes und dem Familienhintergrund der Mutter beziehungsweise dem Migrationshintergrund der Eltern? Vielfach wird die Vermutung geäußert, dass bestimmte Gruppen tatsächlich überhaupt keine Kitas sich suchen. Und deshalb haben wir uns angeschaut, wie sich die Betreuungswünsche im Vergleich zu der realen Nutzung unterscheiden. Wenn wir uns anschauen, wie das bei Müttern mit Abitur sich gestaltet, so sehen wir, dass Mütter mit Abitur höhere Betreuungswünsche haben, als die anderen Mütter. Und wir können auch sehen, dass ihre Kita-Nutzung bekanntermaßen sehr viel höher ist. Einen nicht realisierten Betreuungswunsch, der also darauf bedingt ist, dass man eigentlich einen Wunsch hat, aber keinen Platz bekommt, ist allerdings bei den Kindern, deren Mütter kein Abitur hat, sehr sehr sehr viel höher. Wir haben also einen Betreuungswunsch, der kann aber nicht realisiert werden. Das gleiche Spielchen können Sie im rechten Teil meiner Karte auch nochmal sehen, wo wir abgetragen haben, wie sehen die Betreuungswünsche von Eltern, die beide einen Migrationshintergrund haben, im Vergleich zu den Eltern, die keinen Migrationshintergrund haben beziehungsweise wo ein Elternteil einen Migrationshintergrund hat.

Absolut bemerkenswert ist, dass die beiden Gruppen sich diesbezüglich nicht unterscheiden. Beide Gruppen wollen ihre Kinder in die Kitas geben, aber wir können feststellen, dass Kinder, wenn beide Eltern einen Migrationshintergrund haben, sehr viel weniger tatsächlich diese Betreuungswünsche realisieren können. Ökonomisch gesprochen also sehr viel stärker rationiert sind, als die anderen Elterngruppen, wo die Rationierung sehr viel geringer ausfällt. Dieses ist also etwas, wo wir sagen: Hier besteht Rationierung nach bestimmten Gruppen, die wir eigentlich aufheben müssen.

Wie sieht es aus mit den Informationsdefiziten? Hier habe ich Ihnen eine Studie mitgebracht, die ich im Detail Ihnen hier nicht darlegen kann. Aber es geht darum, inwiefern fehlt auch bestimmten Gruppen das Wissen über Kita-Zugänge? Wir machen hier eine sehr, sehr spannende Studie beziehungsweise sind an einer Studie mit anderen Kolleginnen und Kollegen beteiligt. Was man hier sehen kann, dass es ein sehr unterschiedliches Wissen auch darüber gibt, wie der Kita-Besuch finanziell unterstützt wird und ob es tatsächlich überhaupt eine Gebührenfreiheit gibt. Dieser Unterschied im Wissen stellt sich auch so dar, dass das Wissen über einen Rechtsanspruch oder den Anspruch auf eine Kita in der näheren Umgebung bei Eltern mit niedrigem sozioökonomischen Status sehr viel schlechter ist. Die Tatsache, dass diese Gruppe also ihren Betreuungswunsch nicht realisieren kann, so wissen wir aus dieser Studie, liegt auch daran, dass sie tatsächlich sehr viel schlechter informiert sind.

Liegt es jetzt auch an den Kosten, dass bestimmte Gruppen ihre Kita, die sie sich eigentlich wünschen, nicht in Anspruch nehmen? Zum einen wissen wir, dass die Kosten in Deutschland eigentlich sehr, sehr gering sind und deshalb, wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen im Ausland spreche, sich eigentlich niemand vorstellen kann, dass dies ein Grund ist. Wir wissen aber auch aus vielen, vielen Umfragen, dass wir eine hohe Unzufriedenheit mit den Kosten haben, obwohl wir vielfach einkommensabhängige Gebühren haben und zunehmend ja auch die Beitragsfreiheit. Wenn wir uns aber dann umgekehrt anschauen, ob es eine Zahlungsbereitschaft gibt für die Kindertageseinrichtung, sprich wären Eltern vielleicht sogar bereit teilweise noch mehr zu bezahlen, so können wir auf der anderen Seite feststellen, dass es gerade in den oberen Einkommensgruppen, also Familien im oberen Einkommensbereich, eine Bereitschaft gibt sogar noch mehr für die Kita zu bezahlen, als sie es bisher tun. Insofern kann das Kostenargument eigentlich nur eine Erklärung sein für Familien im unteren Einkommensbereich und nur eine Erklärung geben für die selektive Nutzung bei Familien mit einem geringen Einkommen.

Was uns hier und heute sicher besonders interessiert, ist die Frage, inwiefern die unzureichende Qualität ein Grund dafür ist, dass Familien ihren Betreuungswunsch nicht realisieren. Was wir hier analysiert haben, ist, wie sich die Nutzungsunterschiede beziehungsweise die Gründe warum sich Familien gegen einen Kita-Besuch entscheiden, inwiefern die sich nach den unterschiedlichen Gruppen der Schulbildung

der Mutter oder auch den Migrationshintergrund der Eltern unterscheiden. Aus einer statistischen Perspektive kann ich Ihnen sagen, dass die Qualitätsunterschiede primär keine Erklärung sind, warum Mütter mit oder ohne Abitur sich nicht für eine Kita entscheiden.

Aber und dieses sagt der rote Kreis - Wenn wir uns anschauen, was die Erklärungsgründe sein könnten,

warum Eltern, die beide einen Migrationshintergrund haben, so können wir sehen [***]. Wir haben auch Nutzungsunterschiede bei den über Dreijährigen. Hier sind zwar fast alle Kinder in einer Kindertageseinrichtung, aber wir wissen und das möchte ich bei der nächsten Folie Ihnen zeigen, dass es insbesondere bei der ganztägigen Nutzung Unterschiede gibt, die sich über die Zeit sogar derart verändern, dass wir Anfang des Jahrhunderts insbesondere Personen, Haushalte, die von Armut gefährdet waren, in ganztägigen Angeboten hatten, sich dieses Verhältnis aber inzwischen umgedreht hat und es in der Regel Familien sind, die über der Armutsgrenze liegen, die diese ganztägigen Angebote nutzen. Wir also auch hier in dem ganztägigen Bereich Bildungsungleichheiten haben.

Wir haben auch Bildungsungleichheiten in Hinblick auf die Kita-Qualität. Hierzu haben wir eine große Studie gemacht, die empirisch sehr schön zeigen kann, dass insbesondere Kinder, deren Eltern ein niedriges Bildungsniveau haben und Kinder mit Migrationshintergrund systematisch in den Kitas schlechterer Qualität sind, während wir bemerkenswerterweise diesen Unterschied nicht feststellen können, wenn wir Haushalte vergleichen, die einkommensärmer oder nicht einkommensärmer sind. Was ich damit sagen will: Wir haben die von mir gerade schon diskutierten starken Bildungsungleichheiten in Hinblick auf den Bildungshintergrund der Eltern, aber auch in Hinblick auf den Migrationshintergrund.

Was ist mein Zwischenfazit, bevor ich zu den Krisenzeiten ganz kurz noch kommen möchte. Das Zwischenfazit ist, dass wir massive Bildungsungleichheiten haben, gleichwohl besonders Kinder aus sozioökonomisch schlechter gestellten Familien und Familien mit Migrationshintergrund von einer guten Qualität gerade besonders profitieren würden. Auch dieses zeigen viele, viele bildungsökologische und natürlich auch pädagogische Studien.

Wie sieht es jetzt aus in Krisenzeiten, wie Pandemiezeiten, wo Kitas und Schulen teilweise geschlossen waren? Den Zugang, den ich hierzu finden möchte, ist ein Zugang, der über das Wohlbefinden von Familie hin geht. Wie wir alle wissen, die Kita-Schließungen waren nicht nur ein Befund, der für die Kinder ein sehr schwieriger Zustand war, sondern für die Familie als Ganzes.

Das Wohlbefinden von Familie ist aber auch gerade für Kinder wichtig. Es gibt viele empirische Studien, die zeigen, dass auch die Entwicklung von Kindern massiv mit dem Wohlbefinden der Eltern zusammenhängt. Wir haben hier eine ganz neue Studie veröffentlicht. Eine Studie, die auf Daten beruht, die sich auf den Zeitraum nach dem totalen Lockdown beziehen. Auf den Zeitraum, als langsam tatsächlich Kitas wieder geöffnet haben. Was wir hier empirisch sehen können, ist, dass immer die 52 Prozent der Mütter, die von Kita-Schließungen betroffen waren, tatsächlich auch diese Maßnahmen als sehr, sehr einschränkend wahrgenommen haben.

Ein anderer, ganz wichtiger Befund ist, dass Eltern von Kindern unter sechs Jahren im Vergleich zu anderen Zeiten, dass ihre Lebenszufriedenheit tatsächlich massiv eingeschränkt war. Ich kann Ihnen das nochmal sehr schön verdeutlichen, indem man hier die Zufriedenheit in verschiedenen Bereichen vor und nach dem Lockdown von Eltern abträgt. Was wir hier sehen können, ist dieser grün eingekringelte Bereich, das nämlich die Zufriedenheit mit der Kinderbetreuung in Vor-Corona-Zeiten bei 7,2 Punkten lag und in Nach-Corona-Zeiten beziehungsweise in Corona-Zeiten, so muss ich sagen, bei 4,2. Sie hat also massiv abgenommen. Auch die Lebenszufriedenheit dieser Familien hat abgenommen und auch die Zufriedenheit mit dem Familienleben im Allgemeinen.

Ich sagte Ihnen schon, insbesondere Familien mit Kindern im Kita-Alter sind von den Corona-Maßnahmen sehr betroffen. Wir können dieses auch sehen, dass dies sogar die Gruppe ist, die sagt, die Corona-Maßnahmen sind als sehr einschränkend empfunden worden. Der Anteil ist größer als bei Familien, zum Beispiel mit Kindern im Schulalter. Und er ist auch sehr viel größer dieser Anteil bei Familien, die keine Kinder unter 16 Jahren haben. Was wir auch sehen und es sind die orangenen Balken versus die grünen Balken. Das, was wir auch erwarten würden, insbesondere Familien, die auch direkt von diesen Maßnahmen betroffen waren, sehr, sehr eingeschränkt waren in ihrem Wohlbefinden und diese Maßnahmen auch tatsächlich als sehr einschränkend empfunden haben. Diese Gruppe mit Kindern im Kita-Alter ist wirklich am massivsten betroffen. Wie gesagt, auch Familien mit Schulkindern. Aber hier wurden die Maßnahmen als nicht so einschränkend empfunden.

Ja, was hat das Ganze für Folgen? Es hat auch Folgen für die Sprachförderung von Kindern. Es hat Folgen für die Schulvorbereitung von Kindern, ihr sozioemotionales Verhalten und natürlich auch auf die Familienqualität. Kinder, die besonders benachteiligt sind, werden von diesen Schließungen besonders betroffen sein und auch die Volkswirtschaft als Ganzes wird negativ betroffen sein, weil das Humanvermögen unserer Gesellschaft tatsächlich nicht so optimal entwickelt worden ist, wie wir es eigentlich entwickeln sollten.

Deshalb ganz zum Ende noch ganz kurz meine Schlussfolgerung. Meine Schlussfolgerung ist, dass wir, um Bildungsungleichheiten auch in Krisenzeiten, aber nicht nur, wirklich zu verhindern, der Zugang zur guten Qualität für alle massiv verbessert werden muss. Da sind wir uns wirklich alle einig. Auch aus einer bildungs- und familienökonomische Perspektive muss es darum gehen, mehr Plätze zu schaffen, um Rationierung, die ich ihnen hier dargestellt habe, gerade bei Gruppen, die bildungsärmer sind, gerade dann, wenn beide Eltern Migrationshintergrund haben, hier muss Rationierung aufgehoben werden. Wir brauchen eine zielgruppenspezifische Förderung von diesen Familien zum Beispiel in Nachbarschaften, die insbesondere viele Familien mit Migrationshintergrund haben oder auch Nachbarschaften mit einem sozioökonomisch schlechter gestellten Status.

Wir müssen die Kosten senken.

Einige von Ihnen wissen, ich persönlich bin gegen die komplette Beitragsfreiheit, weil Familien im oberen Einkommensbereich eine hohe Zahlungsbereitschaft haben. Aber wir müssen im unteren Einkommensbereich die Gebühren tatsächlich abschaffen und senken und hier ist das Gute-Kita-Gesetz in eine richtige Richtung gegangen. Hier müssen wir ganz konkret die Umsetzung prüfen. Wir müssen aber auch und dieses hab ich hoffentlich Ihnen auch in der Kürze der Zeit verdeutlichen können, Eltern besser informieren und sensibilisieren, welche Bedeutung die Kita, die frühe Bildung und Betreuung hier im deutschen Bildungswesen hat.

Wir müssen niederschwellige Angebote zur Beurteilung von Qualität den Eltern an die Hand geben, um gerade die Bildungsungleichheiten auch in Hinblick auf die Kita-Qualität abbauen zu können. Wir müssen Qualität sichern, damit gerade auch Familien, die Migrationshintergrund haben, sich stärker für eine Kita entscheiden. Hier sind verpflichtende und regelmäßige Evaluationen wirklich essentiell. Sie gibt es teilweise. Wir als Ökonomen schlagen auch vor, ein Stück weit vielleicht der Zuwendungen auch von ISA-Qualitätsprüfung abhängig zu machen.

Und wir müssen, das haben unsere Untersuchungen gezeigt, den Qualitätsbedarf auch adressatengemäß ausbauen. Wir wissen, dass unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Qualitätsbedürfnisse haben und dieses darf auch nicht vergessen werden.

Meine letzte Folie möchte nochmal darauf hinweisen, dass wir in Krisenzeiten die Kitas als Bildungseinrichtungen nicht vergessen dürfen. Ich habe Ihnen hier aus einer Leopoldina-Arbeitsgruppe, wo wir uns sowohl mit dem Schul- wie dem frühen Bildungsbereich befasst haben, mal die relevanten Handlungsempfehlungen hier mit aufgeschrieben. Wir müssen tatsächlich den Zugang zu Bildungseinrichtungen zur Kita auch unter Pandemiebedingungen solange wie möglich aufrecht erhalten, wenn wir Bildungsungleichheiten vermeiden wollen. Wir müssen den pädagogischen Fachkräften beim professionellen Einsatz neuer digitaler Medien Unterstützungsleistungen zur Verfügung stellen, die auch kosten werden. Wir dürfen die Kooperation und Kommunikation mit Eltern und Familien gerade in Krisenzeiten nicht vergessen und müssen diese für die bildungsbenachteiligten Familien ausbauen, weil es ansonsten so sein wird, dass gerade Akademikereltern primär den Zugang finden und weniger andere Gruppen. Kinder und Jugendliche müssen mit Lern- und Leistungsrückständen zusätzlich gefördert werden.

Das heißt, wir brauchen auch in den Kitas, gerade für Kinder, die im Lockdown nicht so gut auf die Schule vorbereitet werden konnten, die in der Sprachförderung hinten runtergefallen sind, brauchen wir zusätzliche Angebote und wie Frau Giffey hier gerade schon sehr schön gerade gesagt hatte, wir brauchen auch bessere Daten. Wir brauchen eine bessere Wissens- und Informationsbasis, wie wir Kinder, professionelle Fachkräfte und alle, die in Kitas arbeiten, so stärken können, dass wir auch unter Pandemiebedingungen den Betrieb aufrecht erhalten können.

Dieses gibt in aller aller Kürze Ihnen einen Einblick in unsere Arbeit. Sie können hier auch einen Newsletter mit sich anschauen, der viele unserer Arbeiten auch immer wieder Ihnen mit nach Hause bringt. Und ich freue mich jetzt auf die Diskussion, die sicher vielseitig sein wird, weil ich ganz viel hier einfach gar nicht anschneiden konnte, was aber für die Diskussion auch sehr wichtig ist.

Ganz herzlichen Dank.

Vortrag 2: „Möglichkeiten der Selbstsorge im Kontext der Corona-Pandemie“

Prof. Dr. Susanne Viernickel, Universität Leipzig

Im Vortrag von Prof. Dr. Susanne Viernickel geht es um die Situation der pädagogischen Fachkräfte. Wie können diese in dieser besonderen Situation Ressourcen mobilisieren und die Herausforderungen während der Pandemie meistern?

Ich habe heute ein Thema mitgebracht, was gar nicht so sehr auf Zahlen und statistischen Analysen beruht, einfach deshalb, weil es darüber noch gar nicht so viele Informationen gibt.

Das Thema dreht sich bei mir um die pädagogischen Fachkräfte. Was passiert eigentlich mit denen in der Corona-Zeit? Welche Herausforderungen haben denn diese Veränderungen mit sich gebracht? Und ich möchte heute darüber sprechen, wie pädagogische Fachkräfte in dieser besonderen Situation Ressourcen mobilisieren können. Ich greife natürlich auch auf fachliche Kenntnisse zurück, zum Teil auf wissenschaftliche Studien und auf erste Auswertungen aus dem Corona-Projekt an meinem Arbeitsbereich, was wir gerade durchführen, was von meiner Kollegin Dr. Katrin Lattner geleitet wird, wo ich aber wirklich erst erste Eindrücke geben kann über kleine Interviewpassagen.

Wir haben es mit Corona, ja mit einem erzwungenen Feldversuch zu tun, sozusagen. Das kennen Sie wahrscheinlich alle, diesen stufenweisen Öffnungsprozess, der dann von der Jugend- und Familienministerkonferenz am 28. April so beschlossen worden ist. Die erste Phase der eingeschränkten Notbetreuung. Da ging die Inanspruchnahme-Quote extrem runter, wie Sie wissen, die lag überall unter 15 Prozent. Es gab eben nur Aufnahmen von Kindern, von Eltern, die beide in der sogenannten kritischen Infrastruktur arbeiteten. Ganz selten auch mal andere Anspruchsgruppen durften die Kita besuchen und in Phase zwei, die allerdings nur circa eine Woche dauerte, gab es eine flexible und langsame stufenweise Erweiterung. Das war in den Ländern auch sehr unterschiedlich. In Ostdeutschland schneller, weil da war das Infektionsgeschehen auch geringer. Da ging das bereits hoch in Mitte Mai auf Größenordnung zwischen 20 und 35 Prozent der Kinder, die dann wieder in Betreuung waren.

Es gab dann die dritte Phase, den eingeschränkten Regelbetrieb. Auch sehr uneinheitlich in den Ländern. Da gab es Länder, die etwas schneller waren, wie Baden-Württemberg, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen oder Sachsen-Anhalt. Und es gab andere Länder, die sich damit mehr Zeit gelassen haben. Und letztendlich gab es dann ab circa Kalenderwoche 27 den ja praktisch vollständigen Regelbetrieb unter Corona-Bedingungen. Und das heißt, wir haben es jetzt mit einem Anteil von mindestens 70 Prozent zu tun, in manchen Ländern auch 90 Prozent. Das sind alles Zahlen aus diesen Monatsberichten des Deutschen Jugendinstituts und des Robert Koch-Instituts. Man kann es hier nochmal sehen, an dieser schönen Grafik, dass die Länder da unterschiedlich schnell unterwegs waren, unterschiedlich vorsichtig waren vielleicht auch und sieht auch an den Prozentzahlen, wie sich das dann wieder langsam steigerte.

Dieses ganze Geschehen ist für die Fachkräfte natürlich eine große Herausforderung gewesen. In der Stress- und Resilienzforschung unterscheidet man ja zwischen normativen kritischen Lebensereignissen, wie sie in der Biografie eines jeden Menschen, der meisten Menschen regelhaft vorkommen, wie der Übergang in die Schule oder der erste Job und so genannten Anforderungskrisen. Anforderungskrisen sind Veränderungen oder Ereignisse, die meist von außen kommen. Es sind nicht vorhersehbare kritische Lebensereignisse und die müssen auch bewältigt werden. Und bei der Corona-Epidemie, würde ich sagen, handelt es sich um eine solche Anforderungskrise. Diese Situation, das in der zwölften Kalenderwoche der Lockdown verkündet wurde und die Kitas dann in die Notbetreuung gehen mussten, wurde von den Fachkräften, natürlich nicht nur von denen, aber eben auch, als eine plötzliche und nicht zu kontrollierende Veränderung erlebt. Da gibt es bei Menschen bestimmte psychische Reaktionen auf einen solchen Kontrollverlust, also eine grundsätzliche starke Verunsicherung. Ein sich wie gelähmt fühlen, im Schockzustand sein oder manchmal auch diffuse Ängste oder sehr konkrete, auf diesen Bereich bezogene Ängste.

Und neben dieser allgemeinen Verunsicherung, die in einer solchen Situation entsteht, gab es natürlich auch ganz viele konkrete Veränderungen. Ich habe Ihnen hier die erste jetzt schon auf die Folie gepackt. Und diese Veränderungen galt es ja auch zu bewältigen. Die führten zu psychischen Beanspruchungen und in der Folge können sie ein psychisches Belastungserleben nach sich ziehen. Ich werde jetzt einige nennen, die sich zum Teil in der schon existierenden Literatur und zum Teil auch über unsere Studienergebnisse gezeigt haben. Und das sind zum einen die veränderten Arbeitsabläufe. Es gab viele, oft widersprüchliche kurzfristige Vorgaben, die dann umgesetzt werden mussten und sollten.

Der normale Alltagsbetrieb war eingeschränkt und so in der Form auch gar nicht mehr möglich. Zum Anfang gab es auch diese erschwerte oder ausgesetzte Kommunikation mit Leitungskräften oder im Team. Es mussten neue Kommunikationswege gefunden werden, da haben sich ad hoc WhatsApp-Gruppen gegründet. Aber manchmal saßen Fachkräfte, die zum Beispiel auch in das Homeoffice gehen mussten, auch ein paar Tage oder zum Teil auch noch länger ohne jede Information da. Also eine sehr stark erschwerte Kommunikation im Team. Ein Beispiel oder ein Zitat dazu, das das nochmal verdeutlicht, habe ich hier mal mitgebracht: "Man musste immer abwarten und keiner wusste immer irgendwie was Genaues."

Es gab aber auch für viele Fachkräfte ein Verlust der Ressource der positiven Beziehung zu den Kindern. Denn pädagogische Fachkräfte erleben es als eine sehr starke Ressource, dass sie eine positive Beziehung zu den Kindern haben und dass sie mit den Kindern arbeiten können und dort ganz viel zurückbekommen an Anerkennung, die ihnen vielleicht von anderen Gruppen verwehrt bleibt. Auch hierzu nochmal ein Zitat: "Es waren wirklich nur die Kollegen da und das ganze Haus leer. Das war halt nicht schön. Also es waren keine lachenden Kinder mehr da, keine weinenden Kinder, gar nichts mehr." Es gibt weitere psychische Belastungen. Viele Fachkräfte haben sich Sorgen gemacht, um Kinder, die jetzt zuhause waren, wo sie die Angst hatten, dass sie Zuhause wenig gefördert werden oder sogar ein Risiko für Kindeswohlgefährdung gesehen wurde.

Und es gab diverse diffuse oder auch ganz konkrete Ängste sich selber mit dem Virus anzustecken, dass Kollegen betroffen sein könnten, dass Kinder betroffen sein könnten, dass man selber finanzielle Einbußen hat. Und dieses Zitat hier unten, das kondensiert für mich nochmal diese ganzen Dinge, die einem dann am Anfang durch den Kopf gehen. Einfach eine Situation, die mit großen, großen Fragezeichen verbunden ist.

Jetzt ist ja die Frage, was passiert jetzt? Wie bewältigen denn die Menschen solche Krisen? Und auf welchen Ebenen werden solche Krisen bewältigt? Es geht sogar noch weiter, dann mach ich halt noch ein bisschen weiter. Es gab eine Doppelbelastung durch notwendige Betreuung eigener Kita- oder Schulkinder zu Hause und natürlich gab es vor allen Dingen eine Umstellung der pädagogischen Arbeit. Viele Einrichtungen gingen von einer offenen oder teiloffenen Arbeit hin zu geschlossenen Gruppenstrukturen. Es wurden Hygieneregeln eingeführt und damit verbunden war häufig eine stärkere Regulierung des kindlichen Verhaltens, das manchmal gegen die eigenen Überzeugungen auch durchgesetzt werden musste, was auch den Kindern zunächst mal erläutert werden musste. Also auch hier gab es doch viele Belastungen der Fachkräfte, die dann sagten: "Ja, ihr bleibt hier in dem Raum oder wenn ihr in den Garten wollt, müssen wir uns an feste Zeiten halten." Je älter die Kinder waren, so wurde das jedenfalls erlebt, desto anstrengender war es auch, ihnen diese starken Einschränkungen zu erläutern, zu erklären und zum Teil eben auch durchzusetzen.

So, jetzt bin ich aber dabei, wie Krisen bewältigt werden und da möchte ich auf zwei Aspekte eingehen. Und zwar einmal auf einen individuellen Aspekt und dann auf einen Aspekt, der außerhalb der individuellen Bewältigungsmöglichkeiten liegt, sondern einen sozialen Fokus hat, nämlich das Team. Und die Frage, was dabei hilft Krisensituationen zu bewältigen und eben nicht von negativen Gefühlen übermannt zu werden oder gar zusammenzubrechen, führt uns sehr schnell zu dem Begriff der Resilienz. Als Resilienz bezeichnen wir psychische Widerstandsfähigkeit angesichts herausfordernder Situationen. Die Resilienzforschung beschäftigt sich damit, was sind das für Faktoren, die diese Widerstandsfähigkeit, die seelische Widerstandskraft positiv beeinflussen und nennt dabei auch zum Beispiel soziale Unterstützung oder Persönlichkeitsmerkmale.

Ich habe Ihnen heute einen neueren theoretischen Ansatz mitgebracht, der davon ausgeht, dass es eine gemeinsame Basis gibt, auf die die psychische Widerstandsfähigkeit zurückgeführt werden kann. Das ist der sogenannte "Appraisal Style Theory Of Resilience", also der positive Bewertungsstil angesichts herausfordernder Situationen. Die entscheidende Frage lautet nach Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die diesen Ansatz verfolgen: Wie bewertet eigentlich das Gehirn eine bestimmte Situation oder einen bestimmten Reiz? Und sie sagen, dass eine positive Reizbewertung vermutlich der zentrale Mechanismus ist, der letztendlich über die Resilienz des Individuums entscheidet und dass die vielen bisher identifizierten Faktoren die Resilienz nur indirekt bestimmen, indem sie die Bewertung beeinflussen. Also als Konsequenz weniger die belastenden Situationen oder Reize entscheiden, ob Stress entsteht, sondern die Art und Weise, wie ein Individuum die Situation bewertet.

Dieser Bewertungsstil wird nach den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die das vertreten - ich habe hier stellvertretend Kalisch, Müller und Tüscher zitiert - durch drei Aspekte wird er bestimmt: Zum einen die generelle Tendenz eine Situation, die potentiell herausfordernd ist, eher als positiv zu sehen und nicht als negativ oder bedrohlich. Zweitens: In deutlich bedrohlichen, risikobehafteten Situationen die Möglichkeit aktiv daran zu arbeiten, die Situation umzubewerten, also eine emotionale und kognitive Neubewertung vorzunehmen. Und drittens: Eine Emotions- und Verhaltenskontrolle, wenn in konkreten Situationen starke Angst oder starker Stress auftreten. Wenn da dann über Techniken verfügt wird, die gezielt die Herrunterregulierung unterstützen, dann ist das auch eine Möglichkeit in einen positiven Bewertungsstil zu kommen. 

Diese individuellen Ressourcen können aktiviert werden. Man kann einen positiven Bewertungsstil zumindest in gewissen Grenzen einüben und erlernen. Und wenn Sie ins Netz gucken, einen Ratgeber in Onlineforen, dann finden Sie dazu viele Informationen und Tipps. Manche sind sehr hilfreich, manche weniger. Die Vorschläge, die ich Ihnen hier vorstelle, beruhen eben auf der wissenschaftlichen Arbeit von Kalisch, Müller und Tüscher. Und empfohlen werden eben verschiedene Möglichkeiten, wie man seinen eigenen Bewertungsstil vielleicht verändern kann, also in einen positiven Bewertungsstil überführen kann. Das erste wäre individuelle Beruhigungsstrategien zu aktivieren. Beispielsweise indem man sich bewusst macht, dass Sorgen und Ängste in der aktuellen Situation normal sind und auch, indem man zum Beispiel das Anschauen von Nachrichten über den Corona-Virus reduziert, vor allen Dingen vor dem Schlafengehen, also sich nicht selbst noch diesem Stress bewusst aussetzt. Die zweite Emotions- und Verhaltensmanagementstrategie wäre, dass ich die Situation als Herausforderung rahme, die ich bewältigen kann und die ich bewältigen muss in der Situation, also proaktiv. Eine Teilnehmerin unserer Studie sagte zum Beispiel, dass man aus der Not irgendwie eine Tugend machen muss. Eine dritte Strategie ist, dass man sich bewusst macht, welche Herausforderungen in der jüngeren Vergangenheit bereits erfolgreich bewältigt worden sind. Da kann man täglich belastende Situationen festhalten, die gut gemeistert wurden. Und je länger man das anwendet, desto hilfreicher ist es, weil diese Erfahrung - ich habe in der Vergangenheit ähnliche Situationen bereits erfolgreich bewältigt - mir hilft, in den neuen Anforderungssituationen gelassener zu bleiben und positiver zu denken.

Es wird empfohlen typische Stresssymptome, wie Herzklopfen, nicht als etwas Negatives anzusehen, sondern als etwas, das den Körper im Angesicht von Herausforderungen leistungsfähiger macht. Hier sehen Sie diese Neubewertung, also "reappraisal". Das, was ich eigentlich zunächst als Angst machend und negativ erlebe, kann ich positiv werten, indem ich sage: Mein Körper tut hier das Richtige, indem er mich fit macht für das, was jetzt kommen sollte. Man sollte und kann planen oder gedanklich vorwegnehmen, was getan werden kann, wenn Angst oder Panik aufkommt, weil man dann schon im Vorfeld das Gefühl hat, im Notfall hab ich einen Plan B. Im Notfall behalte ich die Kontrolle. Dazu würde aber auch gehören, dass man Ablenkung sucht oder dass man versucht irgendwie sich körperlich zu betätigen, um einfach sich nicht so diesen Gedanken immer wieder auszusetzen.

Und ein weiterer Punkt, ein letzter Punkt: Impulsives Handeln möglichst vermeiden. Die Situation ist zwar stressig und sie entzieht sich der Kontrolle in diesem Moment. Aber man kann wieder versuchen, sein erstes impulsives Handeln besser zu kontrollieren und sich zu beruhigen. Da denkt man natürlich gleich an Atem, ruhigen Atem, Muskelentspannung, Yoga, aber auch wieder Bewegung. Solche Aspekte.

Und damit komme ich zu dem letzten, eben der sich daran anschließt: In der Situation auf Pausen, Entspannung und Ausgleich achten, gerade auch für pädagogische Fachkräfte oder vor allen Dingen auch Leitungskräfte, die ja in der Corona-Situation unglaublich viel managen mussten. Nicht aus dem Auge zu verlieren, dass ich auch immer Ausgleichphasen benötige.

Was wir sehr oft auch in den Interviews gehört haben, wenn wir gefragt haben - Was hat Ihnen denn durch die Corona-Zeit geholfen? Was haben Sie gemacht? - haben sehr viele geantwortet, dass sie genau auf so etwas auch zurückgegriffen haben. Ich komme damit zum Thema Zusammenhalt und Kooperation im Team, als eine Möglichkeit der Selbstsorge auf die Ressource eines starken und kooperativ arbeitenden Teams zurückzugreifen. Wir wissen ja, dass das Betriebsklima und das Verhältnis zu Kollegen ganz zentrale Faktoren bei der Bewertung der Attraktivität des eigenen Arbeitsplatzes sind.

Fachkräfte sagen in vielen Studien, dass das das Wichtigste überhaupt ist, das gute Verhältnis zu den Kollegen, das produktive Teamsitzungen eine große Ressource sind, dass auch Humor, der Zusammenhalt, Anerkennung und Wertschätzung im Team wichtig sind, um den Arbeitsalltag gut zu bewältigen. Oft wird dann auch gesagt, dadurch kann ich dann auch gute pädagogische Arbeit leisten, die Qualität aufrechterhalten. Insgesamt erfahren das auch die meisten Fachkräfte. Aber zurückliegende Studien zeigen auch, dass es so zehn bis fünfzehn Prozent sind von Fachkräften oder Leitungskräften, die sagen hier gibt es bei uns auch Schwierigkeiten. Bei uns herrscht kein so gutes Teamklima und keine Zusammenarbeit oder Innovationsbereitschaft, bis natürlich hin  zu solchen extremen Situationen wie Mobbing. Man weiß auch, dass eine gute Kooperation und erfahrene Anerkennung im Team sich auf den Gesundheitszustand und die psychische Befindlichkeit und Arbeitsfähigkeit von Fachkräften auswirken.

Ich habe Ihnen jetzt mal ein paar Beispiele mitgebracht, was Teams oder was Fachkräfte aus unseren Interviews über ihre Teams in der Corona-Zeit gesagt haben. Und das ist jetzt nicht geweißt, also ich habe jetzt nicht nur die Dinge herausgelesen, die jetzt gerade passen, sondern es zeigt sich, dass das Team von sehr, sehr vielen Fachkräften in der Corona-Zeit als eine große Ressource wahrgenommen wird. "Ich muss schon sagen, wir sind schon immer ein starkes Team gewesen. Wir haben bereits in der Vergangenheit viel dafür getan, ein gutes Team zu sein. Unsere Chefin hat uns gut durch manövriert, hat sich nicht entmutigen lassen. Aber letztendlich liegt die Stärke in dem Team, so wie wir es seit vielen Jahren entwickelt haben." Aus einem anderen Interview wurde so hervorgehoben, der Grundgedanke: "Wir schaffen das. Wir haben schon Schlimmeres gehabt. Da haben die älteren Kolleginnen die jüngeren unterstützt und gesagt, das kriegen wir jetzt auch noch hin." Oder ein drittes Beispiel aus einem Leitungsinterview: "Es war sehr wertvoll, dass die Mitarbeitenden mitgedacht haben. Ich hätte viele Sachen vergessen. Alle haben Verantwortung übernommen für ihre Bereiche."

Wir können das sehr gut übertragen auf systematischere Arbeiten, die uns zeigen, welche Merkmale effektive Teams haben. Diese Arbeiten beziehen sich natürlich nicht oft auf solche Krisensituationen und auf die Corona-Zeit. Aber viele dieser Merkmale finden wir eben auch in den Interviews wieder. Ein erstes Merkmal effektiver Teams, ich orientiere mich jetzt hier an Pfreudner 2015, ist die gemeinsame Zielorientierung, dass jedem Teammitglied präsent ist: Worauf arbeiten wir eigentlich hin? Wir haben einen verlässlichen Grundkonsens.

Ein zweites Merkmal ist, dass die Teams wissen, die Mitglieder wissen, was ihr Team auszeichnet und dass sie stolz darauf sind. Sie haben die Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, für die anderen mitzudenken und gemeinsam zu einer guten Lösung zu kommen. Das setzt voraus und ist gleichzeitig die Basis dafür, dass sich die Mitglieder gegenseitig vertrauen.

Ein drittes Merkmal effektiver Teams ist die klare und konstruktive Kommunikation. Erfolgreich agierende Teams sind die, die wichtige Entscheidungen in der Regel gemeinsam treffen. Dazu braucht man einen guten Informationsfluss, transparente Entscheidungswege und auch eine Gesprächskultur, die wertschätzend ist, die konstruktiv ist und die auch gleichberechtigt ist, wo ein gleichberechtigtes Miteinander herrscht. Aber es braucht auch die ordnende Struktur, also strukturierte Arbeitsabläufe. Eine Balance aus Struktur und klaren Vorgaben auf der einen Seite, aber möglichst flachen Hierarchien und kurzen Entscheidungswege auf der anderen Seite.

Auch eine partizipative Kultur ist da wichtig, aber bei aller Partizipation eben auch immer wieder eine Ordnung, eine Verlässlichkeit.

Der fünfte Punkt sind die geklärten Rollen. Ich glaube persönlich, dass das ein sehr wichtiger Punkt. Jedes Teammitglied sollte sich seiner eigenen Arbeitsaufgaben bewusst sein und seiner Funktionen und Zuständigkeiten und natürlich auch die der anderen kennen. Denn dann können die Beiträge der Einzelnen gut ineinandergreifen und sich optimal ergänzen. Wenn so etwas gut funktioniert, dann kommt es auch zu einer Art gemeinschaftlichen Flow-Gefühl. Also bei uns läuft es rund.

Ein sechster Punkt ist Transparenz. Bewusst gewählte und fachlich begründete Vereinbarungen darüber, was zu tun ist, wie man sich verhält. Weil das hilft, Arbeitsabläufe zu steuern und Vorgehensweisen für alle transparent zu machen. In den Interviews hat sich sehr häufig etwas gefunden. Ein Phänomen, das die Fachkräfte sogar dankbar waren dafür, dass es plötzlich stärkere Strukturen und Verbindlichkeiten gab als vorher. Es ist ein interessantes Phänomen. Das muss man sich auch genauer ansehen, was das eigentlich bedeutet. Aber die Interviews zeigen uns an mehreren Stellen, dass die Fachkräfte sagten: "Wir wussten, was passiert. Wir haben Vorgaben bekommen. Danach konnten wir uns orientieren und wir sind gut damit zurechtgekommen."

Und ein letzter Punkt ist die Offenheit für Diversität und Veränderung. Jetzt geht es in Richtung Kreativität. In jeder Situation stecken Chancen, in jeder Situation steckt Innovationspotenzial und die Fähigkeit, etablierte Strukturen und Arbeitsweisen auch mal zu hinterfragen und Routinen aufzubrechen, sich mal auf unbekanntes Terrain zu wagen - das wäre ein siebtes Merkmal effektiver Teams.

Und damit, die Zeit ist auch schon um, bin ich auch schon am Ende mit meinem kurzen Impulsvortrag. Ich hoffe, ich konnte Ihnen einige Informationen geben, einige Gedanken mit Ihnen teilen zum Thema Selbstsorge in Zeiten von Corona.

Wir haben viele Hinweise in den Interviews, dass Fachkräfte und Teams solche Ressourcen in der Corona-Krise mobilisieren. Wir haben auch Hinweise auf unterschiedliche Umgangsweisen in der Situation, aber stehen da noch ziemlich am Anfang. Also differenzierte Auswertungen folgen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Vielen Dank.

Vortrag 3: „Was passiert im Alltag von Kindertagespflege? – Perspektiven zum Bildungsprofil“

Prof. Dr. Gabriel Schoyerer, Katholische Stiftungshochschule München

Der Vortrag von Prof. Dr. Gabriel Schoyerer beleuchtet einen kleinen, aber wichtigen Teil der Kindertagesbetreuung genauer: die Kindertagespflege. Welche Rolle spielt die Kindertagespflege und wo steckt das besondere Potenzial in pädagogischer Hinsicht?

Vielen Dank, dass das Thema Kindertagespflege hier auf dieser Konferenz so einen prominenten Raum einnimmt. Das ist ja ein relativ kleiner Bereich im Bereich der Kindertagesbetreuung. Nichtsdestotrotz denke ich doch ein sehr, sehr wichtiger Bestandteil, insbesondere für Kinder unter drei Jahren.

Insofern möchte ich hier auch vor allem auf das Bildungsprofil kurz eingehen und mal skizzieren, wo steckt denn vielleicht das besondere Betreuungspotential in pädagogischer Hinsicht. Aber gleichzeitig auch und gerade so im Kontext von Corona darauf hinweisen, dass der Bereich der Kindertagespflege vielleicht auch in besonderer Weise, sozusagen prekär, von dieser Krise betroffen ist.

Vier Punkte ganz kurz: Das wird auch relativ im Schweinsgalopp passieren. Ich werde auch einige Folien skippen und überspringen und aber Ihnen dennoch versuchen einen einigermaßen großen Überblick zu geben. Der erste Punkt: Überhaupt erst einmal, wie verändert sich Kindheit und öffentliche Fürsorge? Dann der zweite Punkt: Wie entwickeln sich Kindertagespflege und Kindertageseinrichtungen in quantitativer Hinsicht? Und dann, das ist eigentlich so der sehr zentrale Punkt: Was leisten Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege? Und hier Einblicke geben in Ergebnisse aktueller Forschungsprojekte, ein eigenes Projekt, dann ein Projekt der Kollegin Ahnert und auch ein Projekt der Kollegin Viernickel, die wir eben schon gehört  haben und dann schließlich: Was ist das Potenzial von Kindertagespflege und wie muss es sich weiterentwickeln? Und hier würde ich auch gerne das noch kurz ausführen im Kontext der Corona-Pandemie.

Erster Punkt: Wie verändert sich Kindheit und öffentliche Fürsorge insgesamt? Wir haben da in der frühkindlichen Bildung eine Situation, das wir eine unheimlich große Erwartung haben. Das heißt, wir haben eine große Erwartung darauf, was dort alles geleistet werden soll. Zum einen Digitalisierung könnte man, habe ich vorhin gehört, müsste man irgendwie noch hinzunehmen. Aber es sind die ganz großen Bereiche Partizipation, Inklusion, soziale Ungleichheit, Bildungsungleichheit haben wir heute schon gehört. Wir wissen aber sozusagen empirisch relativ wenig noch darüber, was man pädagogisch tun müsste, um sozusagen diese Programmatik auch einzuordnen. Und das soll diese Karikatur etwas sozusagen verdeutlichen. Also wir haben hohe Erwartungen, was dort alles geleistet werden soll bei Angeboten der Kindertagesbetreuung, wissen aber sozusagen relativ wenig etwas über vor allem die praktischen Effekte, wie wir dazu kommen, was dort auch geleistet werden soll. Kurz Entwicklungen und Thesen für veränderte Kindheit und Familie, um das ein bisschen einzubetten. Also wir haben es mit einer ganz starken Veränderung zu tun sozusagen von der Familienkindheit zur Kita-Kindheit. Das wissen sie alles. Mehr Kinder werden immer früher, immer länger betreut. Und damit ist das ein Model der Normalisierung. Das heißt: Vier von fünf Kindern erleben, dass beide Eltern in irgendeiner Form arbeiten. Wir haben eine Zunahme transnationaler Kindheit, Zunahme von Kindern mit Migrationserfahrung und -geschichte.

Und wir haben auch seit der Einführung der Bildungspläne eine Verschiebung sozusagen auf diesen Aspekt der Bildung. Vorher war eher das Betreuungsmotiv im Vordergrund, jetzt stark Bildung. Übrigens nicht Erziehung, sondern Bildung. Erziehung ist etwas schwieriger Begriff in den Erziehungswissenschaften und offenbar auch mit seiner als Rezeption in der Fachpraxis. Aber diese Verschiebung auf Bildung und damit eben auch die Erwartung, dass dort Bildung möglichst gut sein soll. Also auch in der Erwartung ihrer Evaluation und Optimierung. Und das hat sozusagen Folgen für das Verhältnis von privater und öffentlicher Fürsorge. Das heißt, wir haben es mit einer verstärkten Sensibilisierung der Eltern zu tun, auch der Adressierung, wie Kinder bestmöglich zu unterstützen sind. Und ja, also in der Fachdiskussion wird häufig sozusagen von einer Standardisierung und auch einer Normierung kindlicher Entwicklung gesprochen, durchaus auch kritisch. Durch diese Zunahme von Standardisierungen, durch Bildungspläne und damit einhergehend auch Dokumentationspflichten, die sicherlich notwendig waren und auch eine gute Richtung sind. Kurse zeigen, man muss immer auch sozusagen die negativen Effekte mit im Blick haben.

Somit können wir eigentlich zusammenfassend sagen, Michael-Sebastian Honig hat das eigentlich sehr schön immer wieder gemacht: Also das mit entgrenzten Leistungserwartungen, Kindertagesbetreuung eben als Bildungsorte zu tun haben, zur Bearbeitung im Grunde genommen aller sozial- und bildungspolitischer Megathemen Partizipation, Inklusion, soziale Ungleichheit, Integration, Digitalisierung vielleicht das nächste große Schlagwort. Und Sie sehen das sozusagen auch in der Rezeption von Literatur. Mit dem, was wir zu tun haben, also nicht mehr immer nur mit Kindern, sondern mit Forschern. Sozusagen das wissbegierige Kind, der kompetente Säugling oder relativ aktuell ja auch "Vom Kleinsein zum Einstein". Das weckt natürlich Erwartungen, dass diese kleinen Forscher ja auch entsprechend in ihren Bildungsbemühungen zu unterstützen sind und zwar bestmöglich zu unterstützen sind. Und Susanne Viernickel hat eben schon darauf hingewiesen, Stichwort Selbstsorge: Sie müssen sicherlich aufpassen, was macht so eine Leistungserwartung auch mit Fachpraxis? Was macht so eine Leistungserwartung auch mit einer Pädagogik da drin? Was macht ein Leistungserwartung mit einer ganzen Kultur und auch mit einem ganzen Diskurs? Also massive Erwartungen. Da müssen wir sicherlich auch sehr sensibel hinschauen, wie wir damit umgehen. Gerade auch nochmal im Zeichen von Corona, das gewissermaßen wie ein Brennglas wirkt und bestehende Bedingungen nochmal stärker in den Blick bringt.

Zweiter Punkt, das nur ganz skizzenhaft. Quantitative Entwicklungen in der Kindertagespflege. Ich mache das jetzt provisorisch, man kann aber eigentlich sagen, dass entgegen früheren Prognosen Kindertagespflege quantitativ weiter wächst. Gestern gab es nochmal aktuell gute Zahlen dazu. Die habe ich Ihnen hier auch abgetragen. Und sie sehen sozusagen, was sich innerhalb der letzten 15 Jahre hier getan hat im Bereich der der Kindertagespflege. Also die Betreuung von Tagesmüttern, Tagesvätern von wenigen Kindern. Das hat sozusagen hier zu massiven Veränderungen geführt in diesem System. Das ist also ein gewaltiger Quantensprung, muss man sagen, in diesem Betreuungssystem. Sowohl was die Anzahl der Tagespflegepersonen betrifft, aber insbesondere auch die Zahl der betreuten Kinder. Sie sehen auch sozusagen, dass es hier unterschiedliche Schwerpunktsetzungen innerhalb der Bundesländer gibt. Allen voran Nordrhein-Westfalen mit über 50.000 Kindern, die in der Kindertagespflege betreut sind.

Ich skippe das jetzt etwas, aber wir sehen auch, dass innerhalb des Systems Kindertagespflege sich die Strukturbedingungen verändert haben. Hier mal abgetragen, das sind alle Daten der Autorengruppe Fachkräftebarometer von dem Deutschen Jugendinstitut. Und Sie sehen hier 2006 war Kindertagespflege noch überwiegend in der eigenen Wohnung. Und guckt man sozusagen gut zehn Jahre später, sehen Sie das vor allem dieser gelbe Bereich gewachsen ist. Das sind die Orte der Betreuung, wo Kindertagespflege nicht mehr in der eigenen Wohnung der Kindertagespflege stattfindet, sondern außerhalb. Es ist vor allem die gewachsene Groß-, nicht nur, aber vor allem die gewachsene Großtagespflege. Also zwei oder drei, teilweise auch mehr, meistens sind es zwei oder drei Tagespflegepersonen zusammen, die mehrere Kinder betreuen und dann eben außerhalb. Das ist sozusagen ein Bereich, der massiv gestiegen ist. Und wir haben da auch eine ganz klare Tendenz, dass das weiter geht.

Qualifizierungen, hier haben wir auch, ähnlich wie der gesamte Bereich, erhebliche Veränderungen. Sie sehen, wenn man sich allein die rote Linie anschaut, dass 2006 noch jede dritte Tagespflegeperson überhaupt keine Form einer Qualifizierung hatte. Das ist passé kann man eigentlich sagen. Und heute haben wir sozusagen den allergrößten Teil der Tagespflegepersonen, die qualifiziert sind und noch einen allergrößten Teil von Tagespflegepersonen, die den fachlich akzeptierten Mindeststandard haben von 160 Unterrichtseinheiten. Wir haben ja einen neuen Qualifizierungsstandard von 300 Unterrichtseinheiten, der auch zunehmend Platz greift und auch zunehmend greifen die Länder und Kommunen darauf zurück. Das skippe ich jetzt mal. Das ist sozusagen noch einmal bundesländerspezifisch abgetragen. Hier gibt es sehr unterschiedliche Schwerpunktsetzungen. Für ein Land, aus dem ich komme, Bayern, da ist man trauriger Spitzenreiter mit den am schlechtesten qualifizierten Tagespflegepersonen. Aber ich will Ihnen das hier jetzt nicht differenziert darstellen sondern einfach nur zeigen, auch hier innerhalb der Länder gibt es erhebliche Unterschiede.

Gucken wir aber rein in die Kitas. Auch hier, das ist mir wichtig, vor allem wenn wir über Kindertagespflege im Kontext von Großtagespflege diskutieren. Auch hier sehen wir Tendenzen, dass Kitas immer größer werden. Also hier mal abgetragen an den Teams. Sie sehen ganz links im Jahr 2007, hier hatten wir sozusagen kleine Teams mit bis zu sieben Beschäftigten. Das war der Großteil. Das ist heute nur noch ein Drittel in etwa. Gewachsen sind vor allem die großen Teams, also mit 15 und mehr Beschäftigten. Und das muss man auch erst einmal zur Kenntnis nehmen, das ist ein Faktum. Auch Kita verändert sich also relativ stark. Und auch wenn wir auf die nächste Folie gucken - jetzt kommt sie - sehen wir auch, dass die Betreuung der unter dreijährigen Kinder keinesfalls nur in den Krippen stattfindet, also sozusagen, dass auch die unter dreijährigen Kinder sehr starken Differenzierungen hinsichtlich der Betreuungsorte ausgesetzt sind. Also da gibt es auch, dass sozusagen die Gruppen von Zwei- bis Sechsjährigen betreut werden oder von null bis sechs altersübergreifend oder auch sozusagen ganz ohne feste Gruppenstruktur. Das ist in den Ländern sehr unterschiedlich.

Und wenn diese Dinge sozusagen zusammenkommen, dann wird es meistens sozusagen in Anführungsstrichen spannend. Also wenn Sie sehr große Kitas haben mit sehr altersgemischten Gruppen und ohne feste Gruppenstruktur, die sogenannten offenen Konzepte, dann reagiert die Fachwelt immer etwas nervös, weil man dann sagt: "Wie geht es eigentlich hier den sehr kleinen Kindern in solchen Häusern?". Ich fasse mal bis dahin zusammen hinsichtlich der Strukturparameter. Man kann eigentlich sagen, dass die klassische Ein-Personen-Kindertagespflege und Kindertagespflege im Haushalt der Kinder an Bedeutung verliert zugunsten von sogenannten Großtagespflegestellen. Das heißt, wir haben auch weniger Tagespflegepersonen relativ, die sozusagen immer mehr Kinder betreuen. Das haben wir noch gar nicht gesagt, auch der Tagespflegeperson-Kind-Schlüssel ist durch diese Veränderung gewachsen. Durchschnittlich vor zehn bis fünfzehn Jahren waren das noch zwei. Heute sind es vier Kinder, die im Durchschnitt betreut werden von Tagespflegepersonal. Aber auch die Größe der Kita-Gruppen und des darin tätigen Personals wächst stark an. Das heißt, wir haben sozusagen eine Tendenz für größere Kitas, offene Gruppen mit offenen Konzepten. Und wie gesagt, die besondere Herausforderung ist dann, wenn alles zusammenkommt. Und das denke ich, muss man schon differenziert betrachten, wenn man auch über die Weiterentwicklung der Kindertagespflege spricht.

Dritter Punkt: Was leisten Kindertageseinrichtung und Kindertagespflege? Hier nur ganz kurz ausgewählte Forschungsergebnisse und ich habe selber mit Kollegen von dem Deutschen Jugendinstitut eine Studie durchgeführt "Profile der Kindertagesbetreuung" und hier haben wir uns vor allem interessiert, sozusagen ganz mikroskopisch, für die Praktik im Alltag und ihre Effekte. Das heißt, wir waren viele Wochen in Einrichtungen, in Tagespflegestellen und in Großtagespflegestellen und haben über den Forschungszugang der Teilnehmer Beobachtung der Ethnographie versucht zu verstehen: Was passiert hier eigentlich? Also, "what the hell is going on?", ist die erste Ethnographen-Frage. Also um was geht das hier eigentlich? Und anders perspektiviert auf die Frage: Was müssen eigentlich die Fachkräfte oder alle, wir haben alle gefasst als Fachkräfte, tun, um die an sie spezifisch gestellten Herausforderungen zu bearbeiten?

Und ich will nur ein paar wenige Punkte herausgreifen in der Kürze der Zeit. Wir haben heute schon über soziale Ungleichheit gesprochen und Frau Spieß hat auch einige Faktoren genannt in Hinblick auf die Bildungsungleichheit in der Nutzung. Es gibt sozusagen noch andere Faktoren. Es gibt die Fachkräfte, die zur Ungleichheit beitragen, es gibt die Kultur der Einrichtungen, es gibt aber auch die Kinder selbst, die als Akteure der Grenzziehung agieren. Das betont die soziologische Kindheitsforschung sehr stark. Und wenn das so ist, dass sozusagen Kinder selber die Akteure ihrer eigenen Grenzziehungen sind, müssen wir - der pädagogische Auftrag, könnte man sagen, ohne das jetzt zum Normativ zu setzen - sehr genau gucken, an welchen Stellen wandelt sich das hier eigentlich in das Gesetz des Stärkeren. Also das Kompetenzunterschiede von Kindern nicht zu Exklusion von Kindern sind. Weil, Sie kennen das selber, Kinder sehen sich sehr schnell und finden sich sehr schnell in so einer Kompetenzhomogenität. Wenn die Kompetenzen allerdings sozusagen auseinanderfallen, dann reproduziert sich das. Und da müssen wir denke ich sehr genau hingucken und auch gerade bei sehr offenen Häusern mit wenig Gruppenstrukturen und so weiter, eigentlich die Frage stellen: Was machen eigentlich die Kinder hier? Wo sind die eigentlich den ganzen Tag? Und was machen auch die Kinder? Also gerade unter dem Gesichtspunkt der Produktion oder auch Reproduktion sozialer Ungleichheit.

Zweiter Punkt, Inszenierung und Programmpädagogik in Kindertageseinrichtungen als Bildungsorte, haben wir das genannt, im Verhältnis zu einer eher beiläufigen, alltagsnahen Vergegenständlichung in Kindertagespflege. Wir haben gesehen in unserer Studie, dass gerade die Kitas vor allem Bezug nehmen auf das, was von ihnen erwartet wird als Bildungsort. Also sie versuchen sozusagen das umzusetzen, was sie leisten sollen (Michael-Sebastian Honig). Und das haben wir sehr stark gesehen. Das heißt, es gibt praktisch kaum eine Situation oder sehr viele Situationen, die als Bildungssituation inszeniert werden, ausgewiesen werden, um praktisch diesem Handlungsdruck ein Stück weit zu entsprechen. Und das ist etwas, was wir in der Kindertagespflege so gar nicht gesehen haben. Sozusagen diese Inszenierungsleistung. Jetzt müssen wir dem Forscher zeigen, was wir hier für eine tolle Programmpädagogik oder Pädagogik machen. Ich sage es mal ganz platt: Wenn gegessen wurde, wurde gegessen; wenn geschlafen wurde, wurde geschlafen in der Kindertagespflege. Und in der Kita sozusagen, ein Beispiel ist mir besonders in Erinnerung, da wurde dann am Essenstisch an Hand von Gemüse - also die Gurke grün, die Karotte gelb und die Tomate rot und das war dann die Gemüseampel - und an dieser Gemüseampel wurde dann Verkehrserziehung inszeniert bei unter Dreijährigen. Und man stand als Forscher so daneben und hat sich gefragt, was findet hier eigentlich gerade statt, was passiert hier eigentlich gerade?

Ein dritter Punkt, Klärung von interpersoneller Zuständigkeit im Kita-Team versus der Hervorbringung eines personalen Mittelpunktes durch eine multiräumliche Präsenz der Tagespflegeperson. Das ist bisschen kryptisch geworden alles. Aber es geht mir eigentlich darum, dass wir in den Kitas häufig gesehen haben, dass auch wenn die Zuständigkeiten formal aufgeteilt sind, in der Situation eigentlich vollzogen werden muss, wer macht jetzt eigentlich was, wer ist für was, kennst du eigentlich hier unsere Rituale oder kennst sie nicht? Gerade in so großen Häusern war das sehr zufällig und man musste sich sozusagen im Fachkraftteam erstmal drüber verständigen, wie jetzt gerade das hier laufen soll und unter was es läuft. Also vor allem in Kitas, die wenig über Rituale arbeiten, sondern eher offen sind. Und in der Kindertagespflege haben wir sowas gar nicht gesehen. Die hatten gewissermaßen dieses Problem nicht. Die hatten andere, aber dieses nicht, weil sie eben nur die eine Person ist und die als personaler Mittelpunkt. Und die hat eher das Problem, wie schaffe ich es eigentlich, wenn ich in der Küche irgendwie koche für meine Kinder, gleichzeitig die irgendwie zu beaufsichtigen. Also die im Nebenraum oder so. Also da muss sie aufpassen. Wir haben verschiedene Praktiken eigentlich gesehen, wie sie das schaffen. Also ganz unterschiedliche Herangehensweisen.

Und der letzte Punkt, was sozusagen ganz spezifisch für Kindertagespflege ist, was wir sehr deutlich gesehen haben, dass sie eigentlich tagtäglich aushandeln muss, was in meiner Kindertagespflegestelle, ist eigentlich privat, also was sozusagen ist das, was die eigene Familie betrifft und was ist öffentlich? Also man kann etwas pointiert formulieren: wie weit darf oder kann oder soll Kindertagespflege eigentlich in die Familie eindringen? Stichwort Familienähnlichkeit. Und an welcher Stelle ist es eigentlich so das Private. Also hier muss eine Tagespflegeperson sehr professionelles Grenzmanagement betreiben. Welche Orte, welche Gelegenheiten, welche Situationen sind öffentlich - im Rahmen des öffentlichen Förderkontextes? Und was ist eigentlich privat?

Ich sehe schon, ich bin da ein bisschen fortgeschritten mit der Zeit. Deshalb skippe ich hier auch mal ganz kurz drüber. Das ist eine zweite Studie der Kollegin Lieselotte Ahnert aus Wien. Die konnte also zeigen, über sehr elaborierte Verfahren hat sie Erzieherin und Tagespflegepersonal verglichen. Wie schaut es denn eigentlich aus mit Bindungsqualitäten und Beziehungsqualitäten und so weiter, um aufzuzeigen, dass Tagesmütter - das kennen Sie vielleicht auch schon, diese Ergebnisse sind schon ein paar Jahre alt - also signifikant höhere Werte haben in der Bindungsqualität, auch im allgemeinen Wert der Denkentwicklung und so weiter. Jetzt kann man sich fragen, woran liegt das? Komisch. Die Fachkräfte, die Erzieher und die Tagespflegepersonen, auch wenn hier jede dritte Tagespflegeperson pädagogische Fachkraft ist, lässt sich das möglicherweise über dieses Setting erklären, was diese zwei Bilder hier andeuten. Also wir haben es einfach mit unterschiedlichen Lernkontexten zu tun in diesen Settings. In den Kitas vielleicht so tendenziell eher diese Gruppenansprache. In der Tagespflege haben wir sicherlich individuellere Zugangsmöglichkeiten zumindest. Ob die immer eingelöst werden, muss man sehen. Aber die Bedingungen sind vorhanden und möglicherweise erklärt das so ein bisschen diese unterschiedlichen Ergebnisse. Es gibt noch andere Erklärungsmodelle, auf die gehe ich jetzt erstmal nicht ein.

Dritte Studie, von der Kollegin Viernickel, Maria Ihm und Martin Böhme. Nur ganz kurz zum Thema: Wie erleben sich Kindertagespflegepersonen eigentlich selbst? Was bedeutet es, als Kindertagespflegeperson zu arbeiten? Die Studie hat finde ich sehr schön herausgearbeitet, wie man sich selber sieht, also welchen Status, welche Wertschätzung eigentlich Tagespflegepersonen sich selber entgegenbringen. Ich kann das jetzt nicht ausführen. Sie können das vielleicht im Nachgang nochmal hören, Nur sozusagen: Man ist sich selber so seiner Position bewusst. Man ist ein Teil der Kindertagesbetreuung, aber in der Sphäre gerade zwischen öffentlicher Verwaltung. Das zweite ist, man ist auch eine Art von Kleinunternehmen. Die meisten Tagespflegepersonen sind selbstständig tätig und auch hier gibt es spezifische Herausforderungen und das Zentrale sind eigentlich diese Anforderungen, die diese Studie schön zeigen konnte, dass Kindertagespflege eigentlich zwischen dieser Familiennähe und Abgrenzung changieren muss. Also man muss irgendwie im Markt bestehen bleiben, muss leistungsfähig bleiben, um die wirtschaftliche Existenz zu sichern. Und hier auch nochmal genau dieses Doppel-Motiv. Ich muss deshalb eine gute Arbeit leisten, um auch so die Kundenzufriedenheit sicherzustellen. Aber ich muss auch auf meine eigenen Ressourcen schauen, weil sonst wird es nichts mehr mit der wirtschaftlichen Existenz, wenn ich einfach nicht mehr leistungsfähig bin. Diese Ambivalenz finde ich auch nochmal sehr deutlich in der Kindertagespflege. Und das wäre sozusagen auch einer meiner letzten Punkte schon.

Also man kann eigentlich versuchen zu sagen, Kindertagespflege ist eine Betreuungsform mit einem spezifischem Profil. Es gibt Betreuungspotentiale, gerade aus pädagogischer und entwicklungspsychologischer Sicht Chancen vor allem für Kinder in den ersten drei Lebensjahren, die eine eher informelle Alltagsbildung gegenüber Kitas, die stärker über Programmpädagogik arbeiten. Kindertagespflege zeichnet sich aus durch eine Formenvielfalt. Es gibt sehr unterschiedliche Settings, wird aber trotz wachsender Groß-Tagespflege bis auf weiteres im Kleingruppen-Setting stattfinden, gerade auch in dem Kontext der Entwicklungen in den Kitas, die ja doch, ich habe es kurz versucht zu zeigen, auch wachsen.

Aber deshalb will ich sagen, hat die Kindertagespflege erhebliche Potenziale. Betreuungspädagogisch gesprochen, aber auch Risiken in Bezug auf den selbstständigen Arbeitsstatus, Anerkennung, Existenzsicherung. Und das ist das, was ich eingangs versucht habe zu sagen. Corona wirkt hier wie so ein Brennglas. Weil sie eben besonders positioniert ist zwischen öffentlich und privat. Das heißt, es wird wirklich deutlich, es besteht mehr denn je der Wunsch und die Notwendigkeit nach guten Bildungs- und Betreuungsbedingungen. Also man will das Individuelle, sie soll kontinuierlich sein, soll ritualisiert sein, kooperativ, Zusammenarbeit mit Eltern und so weiter. Andererseits sind die Tätigkeitsbedingungen, also die Bedingungen unter denen das gilt, was erbracht werden soll, die sind möglicherweise sozusagen in besonderer Weise strukturell gefährdet. Da sprechen wir über Existenzsicherung, Vergütung, Hygienekonzepte, die einzuhalten sind.

Und ganz wichtig auch das Thema der kommunalen Steuerung. Da bin ich heute gar nicht drauf eingegangen, das war auch heute gar nicht mit Thema. Nur Kindertagespflege ist in der Verantwortung des öffentlichen Jugendhilfe Trägers und wir haben hier, das ist wie so ein Fleckerlteppich, wo die Kindertagespflege gut ist und gefördert wird, entsprechende Strukturen hinterlegt. Und es gibt Kommunen, wo das praktisch nicht ist und dass, Sie sehen das hier, im benachbarten Jugendamtsbezirk. Deshalb wäre das sozusagen mein Plädoyer: Also man muss, wenn man die Leistungsfähigkeit der Kindertagespflege aufrechterhalten will,  muss man sozusagen gerade in diese "local governance", wie wir das sagen, also in die Förderung lokaler Strukturen investieren. Das sind ein paar Punkte, auf die es dann ankommt. Das Gesamtsystem ist die Fachberatung, Unterstützungsangebote, Tätigkeitsbedingungen, Vergütung und insgesamt auch sozusagen Kindertagespflege breit denken als verschiedene Settings und Angebote. So in Kürze kommen auch verschiedene Ergebnisse raus.

Wir haben hier auch einen Link der Homepage, da können Sie das alles nochmal etwas ausführlicher nachlesen.

Ich sage erst einmal vielen Dank. Das war wie gesagt im Schweinsgalopp. Ich hoffe, ich konnte Ihnen da so einen ganzen kleinen Ausblick und Einblicke in die Kindertagespflege in Deutschland geben.

Dankeschön.

Vortrag 4: „Kinderrechte und Kinderschutz in Zeiten der COVID-19-Pandemie“

Prof. Dr. Jörg Maywald, Fachhochschule Potsdam

Der Vortrag von Prof. Dr. Jörg Maywald gibt einen Überblick über Kinderrechte im Allgemeinen, die Einschränkungen der Kinderrechte in Corona-Zeiten und die Bedeutung von Kinderschutz. Basierend auf den vorherigen Ausführungen benennt Prof. Maywald zum Schluss zwei kinderrechtliche Forderungen.

Hallo, wunderbar.

Ja, Kinderrechte und Kinderschutz in Zeiten der Covid-19-Pandemie - ein unglaublich großes Thema, muss man sagen. Allein der Bereich Kinderrechte wäre ein eigenes Themenfeld wert. Kinderschutz genauso. Ich versuche mein Bestes in diesen vierzig Minuten einen Überblick zu geben.

Vielleicht ein paar Sätze zu meiner Person noch. Jörg Maywald ist mein Name. Berufsbiografisch komme ich aus dem Bereich des Kinderschutzes, wo ich viele Jahre mit Kindern und Familien gearbeitet habe. Aber die letzten zehn bis fünfzehn Jahre schlägt mein Herz für die Kinderrechte und für einen rechtsbasierten Kinderschutz. Ich bin hauptberuflich in der Deutschen Liga für das Kind als Geschäftsführer tätig, einem Netzwerk, was vor allem im Bereich der frühen Kindheit tätig ist. Übrigens auch der Bundesverband Kindertagespflege ist bei uns Mitglied, aber auch viele, viele andere. Dann bin ich ein wenig an die Fachhochschule in Potsdam angedockt als Honorarprofessor. Und ein Grund, warum ich vermutlich hier eingeladen wurde: Ich bin seit einer Reihe von Jahren gewählter Sprecher des Netzwerks Kinderrechte der National Coalition Deutschland für die Umsetzung der United Nations-Kinderrechtskonvention.

Ich will fünf Punkte in meinen Vortrag packen. Einen ersten noch ohne Folien, die gehen erst danach los. Ich will einen kurzen Rückblick geben. Nämlich Kinderrechte in Corona-Zeiten und die letzten sechs Monate einmal Revue passieren lassen. Der zweite Punkt und dann geht es mit den Folien los. Ich will das Gebäude der Kinderrechte vorstellen, den Kinderrechts-Ansatz und vor allem die Einschränkungen, die Kinderrechte in den letzten sechs Monaten ungefähr erfahren haben. Dritter Punkt wird dann sein, Schwerpunkt Kinderschutz. Ich will unterschiedliche Modelle eines Kinderschutzverständnisses vorstellen und auch auf ganz unterschiedliche Personengruppen Bezug nehmen, von den Gefahren und Gefährdung für Kinder ausgehen kann. Vierter Punkt - auf einen will ich mich ein bisschen konzentrieren und zwar mal explizit auf den Bereich Fehlverhalten und Gewalt durch Fachkräfte. Ich gehe davon aus, dass die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer, Zuschauerinnen und Zuschauer vor allem Kinderschutz mit dem familiären Bereich verbinden, also Stichwort Kindeswohlgefährdung. Aber auch in Zeiten der Corona-Pandemie gab es ja besondere Belastungen durch Fachkräfte. Und auch in dieser Zeit ist Fehlverhalten und Gewalt durch Fachkräfte vermehrt zu erwarten und auch aufgetreten. Und da würde ich gerne einen Schwerpunkt setzen und auch zwei Fallbeispiele einbringen. Und der letzte Punkt wird dann ein kleiner Ausblick sein. Ich plädiere für eine Ethik pädagogischer Beziehungen und habe auch zwei Folien mit kinderrechtlichen Forderungen mit dabei. Also großes Programm. Mal schauen, ob wir in 40 Minuten durchkommen. Aber wir haben ja einen wunderbaren Moderator, der mir vielleicht auch ein Zeichen zwischendurch geben kann, wenn es dann doch zeitlich zu eng wird und natürlich auch gerne Nachrichten aus dem Chat, die ich immer gerne mit einbaue. Da können Sie mich einfach auch unterbrechen.

Vielleicht, der kurze Rückblick begann ja Anfang/Mitte März diesen Jahres mit einem scharfen Lockdown. Und als allererstes, ich rufe das nochmal in Erinnerung, wurden Schulen und Kitas geschlossen. Das ist sicherlich damals auch in einer gewissen Weise begründet gewesen, zumindest sehr verständlich gewesen, weil natürlich die Sorge auch den Kindern und Jugendlichen gegolten hat. Wir wussten damals noch ziemlich wenig über diesen Virus, über die Wirkung, die Kinder dabei spielen. Und zunächst verständlich, ich will das auch gar nicht in Zweifel ziehen. Dann allerdings gab es so etwas wie eine schwarze Box. Kinder kamen schlichtweg in der Diskussion lange Zeit nicht mehr vor. Zum ersten Mal wieder Mitte April. Die berühmte Stellungnahme der Leopoldina, der Akademie der Wissenschaften, wo Kinder nur als Schulkinder angesprochen wurden und auch nur als Schülerinnen und Schüler. Kinder sind Kinder mit ganz unterschiedlichen Aspekten. Spielen spielt zum Beispiel eine sehr wichtige Rolle im Leben der Kinder. Es kam überhaupt nicht vor und der vorschulische Bereich, also der frühkindliche Bereich, wurde auch überhaupt nicht angesprochen. Die Politik hatte allein die Wirtschaft im Blick. Kinder spielten mehrere Wochen lang praktisch gar keine Rolle. Dann hatten wir die Öffnungsdiskussion, die auch die Kitas mit einbezog.

Es begann so Anfang Mai etwa und aber auch hier, eine sehr starke Verengung auf die reine Betreuung und nicht auf Bildung, nicht auf Erziehungsfragen. Und insbesondere Kinder mit besonderen Belastungen, darauf komme ich gleich noch zu sprechen, kamen praktisch gar nicht vor. Also leben die Kinder in einer Heimeinrichtung oder auch Kinder mit Behinderung oder geflüchtete Kinder - darüber wurde praktisch nicht gesprochen, sondern es ging nur um die großen zwei Stränge, Schule und Kita. Vor allem im Sinne des Funktionierens, nicht im Sinne der Kinderrechte. Dann und das ist jetzt die neuere Phase, die so im August etwa auch dann mit Beginn des neuen Schuljahres und des Kita-Jahres begonnen hat, mit einer doch erstaunlichen Veränderung der Bundeskanzlerin, die nämlich auch sehr stark zunächst einen wirtschaftspolitischen Kurs allein gefahren hat in der Pandemie-Zeit. Aber, jetzt seit Ende August und sie wiederholt das jetzt in mehreren Statements, gibt sie den Kindern einen ziemlich großen Stellenwert. Ich zitiere sie jetzt mal aus dem Kopf. Sie sagte mehrfach hier neben der Wirtschaft, die natürlich nicht nur mit einem Lockdown bedacht werden sollte, sollten auf jeden Fall auch, so hat sie sich ausgedrückt, die Schulen und Kitas geöffnet bleiben. Also keine flächendeckende Schließung mehr, allenfalls noch regional.

Also Kinder und Jugendliche haben jetzt auch bei der Kanzlerin in der dritten Phase einen neuen, wichtigeren Stellenwert bekommen. Allerdings auch hier einschränkend. Auch sie sieht Kinder und Jugendliche vor allem als Schülerinnen und Schüler oder als Kita-Nutzerinnen und Nutzer. Auch hier steht die Betreuung im Vordergrund. Bildung ein bisschen am Rande, wenn es um Schule geht, aber nicht wirklich das ganze Spektrum. Das war so eine kleine Einführung. Vielleicht noch eine kleine Zusammenfassung am Ende dieses ersten Punktes. Ich bin mir im Klaren darüber, dass solche besonderen Krisenzeiten natürlich, ich komme gleich nochmal darauf zurück, mit einer Einschränkung von Grund- und Menschenrechten und damit auch von Kinderrechten einhergehen. Das ist gar nicht zu vermeiden, aber es kommt auf die Balancierung an. Das heißt, natürlich hat das Recht auf Schutz der Gesundheit, was ja auch ein Kinderrecht ist genauso wie ein allgemeines Menschenrecht, kann in bestimmten Krisensituationen einen besonders hohen Stellenwert haben und insoweit auch andere Rechte einschränken, wie zum Beispiel Bewegungsfreiheit, Versammlungsfreiheit oder eben auch Bildungsrechte. Das mag in Ordnung sein.

Was aber nicht in Ordnung ist, ist, wenn die Abwägung auf Kinder bezogen gar nicht stattgefunden hat. Also Menschenrechte und Kinderrechte müssen sich ja gerade in Krisenzeiten bewähren. Sie sind dann ja nicht außer Kraft, sondern sie müssen nur neu balanciert werden. Dass beispielsweise ein Schutzrecht, ein Recht auf Schutz der Gesundheit, einen höheren Stellenwert bekommt gegenüber anderen Menschen- und Kinderrechten. Das ist in Ordnung. Aber es darf nicht sein und das ist der zentrale Artikel ja auch der United Nations-Kinderrechtskonvention, dass der Vorrang des Kindeswohls, also überhaupt die Interessen von Kinder, die Rechte von Kindern in die Abwägung zu bringen. Dass das überhaupt nicht stattgefunden, das geht gar nicht und das ist sicherlich der Politik vorzuwerfen. Oder positiv ausgedrückt, das können wir da lernen aus dieser Zeit. Bei nächsten Krisen müssen wir die Kinder und deren Vertretung von vorne herein zentral in diese Abwägung hineinbringen.

Und ein zweiter Schlusspunkt an diesem ersten Punkt wäre für mich, dass wir auch Kinder selbst mit einbeziehen. Das ist ein zentrales Kinderrecht, das Recht auf Gehör des Kindes und auch auf Berücksichtigung der Meinung des Kindes. Das heißt, dass wir auch und was die Politik nicht getan hat, ist Kinder selbst zu befragen und sie mit einzubeziehen. In der Schule ist es augenfällig. Schülerinnen und Schüler haben selbst wunderbare, sehr interessante Vorschläge und sie gar nicht in die politischen Entscheidungswege einzubeziehen, ist sicherlich eine sträfliche Vernachlässigung von Kinderrechten gewesen. Übrigens betrifft das auch die jungen Kinder. Nehmen Sie eine Krippe oder eben auch eine Kindertagespflegestelle. Die reden nicht in ganzen Sätzen. Das ist aber auch nicht notwendig. Das Recht auf Beteiligung ist nicht an eine Altersgrenze, auch nicht an Verbalisierung gebunden, sondern wir merken ja, wir sehen ja, wie Kinder reagieren, wenn sie beispielsweise wochenlang nicht mit ihresgleichen zusammenkommen. Das heißt, die Signale der Kinder wahrzunehmen, ihnen zuzuhören in diesem Sinne und eben ihre Interessen in die Abwägung einzubringen, das muss selbstverständlich auch auf junge Kinder bezogen stattfinden. Das war so der erste Punkt, noch ohne Folien.

Ich komme jetzt zu einem zweiten, nämlich Gebäude der Kinderrechte, Kinderrechts-Ansatz und Einschränkung von Kinderrechten während der Covid-19 Pandemie. Das ist das berühmte Gebäude der Kinderrechte, was Sie hier als Folie sehen. Mit diesen drei kinderrechtlichen Bereichen "Schutzrechte, Förderrechte und Beteiligungsrechte" - in der Mitte die grünen Säulen.

Wenn wir in Deutschland von Kinderschutz sprechen, meinen wir meistens Gewaltschutz interessanterweise. Dabei gibt es viel mehr Schutzrechte. Das sehen Sie schon an der Anzahl der Artikel. Also beispielsweise ist Unfallschutz auch Kinderschutz, Gesundheitsschutz ist Kinderschutz genauso wie Medienschutz Kinderschutz ist natürlich. Oder auch das Recht des Kindes auf Schutz seiner Privatsphäre im Artikel 16 beispielsweise, auch das ist ein Schutzrecht. Und übrigens das allerwichtigste Schutzrecht findet sich gleich im Artikel 2 der Kinderrechtskonvention, nämlich das Recht jedes Kindes auf Schutz vor jeder Form von Diskriminierung. Also Diskriminierungsschutz ist auch Kinderschutz und ist natürlich auch jetzt während Covid-19 ein sehr wichtiger Aspekt gewesen schutzbetreffend.

In der Mitte haben wir die Förderrechte. Hier geht es natürlich, das kennen die allermeisten, das Recht auf Bildung, als ein sehr wichtiges Förderrecht. Das Recht auf soziale Sicherheit, auf einen angemessenen Lebensstandard, auf gesundheitliche Förderung, auch das spielt eine Rolle. Stichwort Bewegung oder auch Ernährung wären hier zu nennen und ein Recht, was mir sehr am Herzen liegt, eines meiner Lieblingskinderrechte im Artikel 31, "Jedes Kind hat das Recht auf Spiel, Freizeit, Ruhe, Erholung, künstlerische und kulturelle Betätigung." Also ein neben dem Recht auf Bildung stehendes sehr zentrales Kinderrecht, eben als Förderrecht.

Dann haben wir rechts die Beteiligungsrechte. Vor allem der Artikel 12 ist hier wichtig, nämlich das Recht jedes Kindes gehört zu werden. Ich sagte es schon. Und auch das seine Sicht der Dinge, nicht nur seine Meinung - weil nochmal sehr junge Kinder formulieren nicht in ganzen Sätzen - seine Sicht der Dinge, angemessen reifen Alters, angemessen bei dem das Kind betreffenden Entscheidungen berücksichtigt werden muss. Ein paar andere Beteiligungsrechte: Meinungsfreiheit natürlich, auch Versammlungsfreiheit und auch das sind auf Kinder bezogene Menschenrechte. Bei der Versammlungsfreiheit, das klingt vielleicht erstmal: "Ja, wieso?" Natürlich ist das ein sehr wichtiger Punkt. Nehmen Sie Fridays for Future, die jetzt auch ein halbes Jahr kaum hörbar gewesen sind, weil ja auch Versammlungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt gewesen sind.

Dann haben wir oben in diesem Gebäude den Vorrang des Kindeswohls. Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, müssen die Interessen der Kinder - wie es im Englischen heißt: "best interest of the child" oder im Deutschen das Kindeswohl - ein vorrangig zu berücksichtigender Gesichtspunkt sein. Eines will ich unten noch in dem roten Feld anmerken, einmal ganz links: Ein Mensch ist ein Kind oder Kinder sind alle Menschen bis zum Alter von 18 Jahren, also spätestens mit der Geburt bis zum 18. Lebensjahr. Und der Artikel 42, den halte ich auch für sehr wichtig, Kinder haben nämlich das Recht, ihre Rechte zu kennen. Erwachsene übrigens sollten sie auch kennen. Aber auch das Kind selbst hat ein Recht, seine Rechte behauptet zu kennen. Soweit ein kleiner Überblick. Das war, was wir so unter Kinderrechtsansatz verstehen.

Hier in einigen Punkten aufgeführt, dass Rechte unteilbar sind. Es gibt keine wichtigeren oder unwichtigeren Rechte. Die hängen alle sehr zusammen. Dass es eine Universalität gibt. Es geht um Menschenrechte, also jedes Kind in Deutschland. Es ist nicht an einen deutschen Pass gebunden. Auch Kinder ohne deutschen Pass oder überhaupt einen Pass genießen diese Menschenrechte natürlich. Dann haben wir diese sogenannten vier "General principles", die allgemeine Prinzipien der Kinderrechtskonvention, die bei allen Fragen Kinder betreffend immer eine Rolle spielen müssen, nämlich Nicht-Diskriminierung, Vorrang des Kindeswohls, dann Recht auf Leben und bestmögliche Entwicklung und auch die Berücksichtigung des kindlichen Willens.

Wir haben dann dieses interessante Verhältnis Kinder und Erwachsene. Es gibt ja deshalb Kinderrechte, weil Kinder eben keine kleinen Erwachsenen sind. Sie sind zwar Rechtsträger, aber die Erwachsenen sind die Verantwortungsträger. Wir können nicht die Antworten den Kindern auf die Schultern legen. "Jetzt sorgt mal selbst für eure Rechte" - Das können sie eben noch nicht in dem Maße wie Erwachsene. Wir haben die Verantwortung. Kinder sind die rechtlichen Träger.

Ich hab mal hier eine Folie jetzt - Einschränkung von Kinderrechten während der Pandemie-Zeit, obwohl das Jahr ja noch gar nicht vorbei ist, wir sind ja eigentlich mittendrin in einer neuen Phase. Nochmal, damit ich nicht falsch verstanden werde, ich halte die Einschränkung von Menschen- und auch Kinderrechten selbstverständlich für gerechtfertigt. Die haben wir in vielen Fällen. Es gibt keine absoluten Menschenrechte, abgesehen von ganz wenigen. Die Menschenwürde gilt als absolut, das Folterverbot und das Sklavereiverbot gelten als absolute Menschenrechte. Aber die meisten Menschenrechte, sogar das Recht auf Leben kann in Abwägung gebracht werden müssen. Beispielsweise dass wir einer Polizistin oder einem Polizisten eine Pistole geben und in Zweifelsfällen in der Abwägung eben auch sie berechtigen, eine Person zum Beispiel zu verletzen oder sogar zu Tode zu bringen.

Es gibt also sehr häufig diese Abwägungsprozesse und so auch bei Kindern. Vielleicht mal ein kindliches Beispiel oder ein auf Kinder bezogenes Beispiel. Wir haben klassische Abwägungsfragen, wenn ein Kind im T-Shirt bei zehn Grad in den Garten rennen möchte. Nehmen Sie die Kindertagespflege oder eine Kita - dann haben wir einerseits das Recht auf Mitbestimmung des Kindes, vielleicht sogar in manchen Bereichen Selbstbestimmung. Aber eben auch, dass das Kind ein Recht auf Gesundheitsschutz hat und eine Lungenentzündung bei wenigen Grad und T-Shirt im Garten ist eben auch nicht spaßig für das Kind. Dann werten seine Rechte auch nicht.

Also nochmal, es geht immer um diese Abwägung. Wir haben Schutzrechte, die eingeschränkt waren, Gewaltschutz natürlich. Wir hatten viel weniger soziale Kontrolle in diesen Monaten. Das heißt, da die Kinder nicht in den Kitas und in den Schulen waren, waren Familien sehr auf sich gestellt. Wir wissen, dass es viele Zuspitzungen gegeben hat, vermehrte Trennungen, vermehrte Konflikte. Gewaltschutz sicherlich klar eingeschränkt, aber auch Diskriminierungsschutz. Hier wissen wir, dass es eine zunehmende Spaltung gegeben hat zwischen Kindern, die vielleicht sogar das eine oder andere Positive in dieser Zeit erleben durften. Sie waren so viel im Garten wie sonst nie oder in der Natur, hatten ihre Eltern vielleicht durch das Homeoffice sogar mehr als sonst zur Verfügung.

Aber eben eine viel größere Zahl von Kindern, denen es besonders schlecht in diesen Zeiten ging: enge Wohnverhältnisse oder eben auch mangelnde Möglichkeiten in die Natur zu gehen und so weiter. Also eine klare Spaltung. Insbesondere natürlich wurden bestimmte Gruppen benachteiligt, die ich unten übrigens aufgeführt habe. Vor allem Kinder aus armen Familien, alleinerziehende Kinder aus Mehrkindfamilien, in beengten Wohnungen ohne Zugang zu Natur und Grünflächen. Kinder mit psychisch oder körperlich erkrankten Eltern wurden nochmal mehr benachteiligt. Kinder in Heimen oder Wohngruppen, Kinder mit Behinderung und auch geflüchtete Kinder waren besonders benachteiligt in dieser Zeit.

Gesundheitsschutz, Medienschutz natürlich auch, also gerade auch Medienschutz. Wir hatten eine weitere unbegleitete exzessive Nutzung von Medien, eben auch mit den problematischen Anteilen. Natürlich nicht nur. Es geht nicht nur um Schutz, sondern es geht auch um Zugang zu Medien. Aber es gab eben schon auch zu beobachten eine problematische, vermehrte Mediennutzung, von einem Teil zumindest, Kindern und Jugendlichen betreffend. Wir hatten Einschränkungen von Förderrechten, Bildung selbstverständlich, aber eben auch Spiel. Wir hatten lange die Spielplätze geschlossen. Wir erinnern uns alle. Aber natürlich auch Sportmöglichkeiten, dass für Kinder so so wichtig ist, dass sie mit ihren Peers eben auch Sport und Bewegung machen können, mehrere Stunden möglichst am Tag. Dann kulturelles und künstlerisches Leben war praktisch geschlossen. Es gab keine Kindertheater und so weiter und sofort. Zugang zu den Medien war auch vor allem für manche Kinder sehr eingeschränkt, die zum Beispiel gar keinen Internetzugang haben.

Soziale Sicherheit bei den wirtschaftlichen Abstiegen, die viele Familien ja erleben mussten - Stichwort Kurzarbeit oder sogar Existenzbedrohung vor allem von kleinen Gewerbetreibenden oder Solo-Selbstständigen. Bei manchen Kindern, auch wieder in dieser Spaltung, ziemlich fatal in den letzten Monaten. Das betrifft natürlich auch die Armutsgefährdung, die dort genannt wird. Einschränkungen von Beteiligungsrechten. Es liegt so auf der Hand. Wir haben Kinder kaum gehört, also in den Familien hoffentlich schon. Aber darüber hinaus waren sie eigentlich nicht mehr hörbar und es gab kaum Möglichkeiten, dass sie auch bei diesen politischen Entscheidungen in irgendeiner Weise mit einbezogen waren, was ja durchaus denkbar gewesen wäre. Also man hätte die Schülervertretung oder man hätte auch die verbandliche Jugend in andere Weise, als es eben kaum geschehen ist, hier auch in die politischen Entscheidungsprozesse einbeziehen können. Die Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit war sehr eingeschränkt und bis hin auf Null ja gesetzt. Ich habe Friday for Future schon genannt und viele andere - das war natürlich eine Einschätzung. Nochmal, es geht mir nicht darum, jede Einschränkung an den Pranger zu stellen, sondern es geht mir darum, die Interessen von Kindern, die eben oft gar nicht in die Abwägung eingegangen sind, hier in den Vordergrund zu heben. Das sollte uns nicht mehr passieren und wir sollten die Kinder selbst mit ihrer Perspektive in die Entscheidungen einbeziehen.

Ich wechsel jetzt Thema. Ich hab ja eben nicht nur Kinderrechte, sondern auch Kinderschutz und will hier einmal ein Modell vorstellen, was ein erweitertes Kinderschutzverständnis - nicht nur thematisch, also das Kinderschutz nicht nur Gewaltschutz ist, sondern eben auch zum Beispiel Gesundheitsschutz und so weiter, das hatte ich ja gerade schon - sondern auch wenn wir in den Bereich des Gewaltschutzes gehen, was ja für die meisten in Deutschland mit Kinderschutz ganz eng verbunden ist, dann haben wir eine sehr interessante Veränderung. Klassisches Verständnis ist intervenierenden Kinderschutz, Stichwort Kindeswohlgefährdung. Also die Grenzsetzung, wo der Staat verpflichtet berechtigt ist, in Elternrechte notfalls einzugreifen, also wo Kinder auch vor den eigenen Eltern geschützt werden. Das ist ein klassisches, sehr enges Verständnis.

Spätestens seit 2012, seit dem Bundeskinderschutzgesetz, haben wir ein neues Verständnis, ein erweitertes Verständnis, nämlich auch der präventive Kinderschutz, Stichwort Frühe Hilfen. Aber nicht nur. Das heißt, dass auch Familien, die jetzt nicht zu den so genannten Multi-Problemfamilien gehören, in der ein oder anderen Weise Unterstützung beim Aufwachsen, beim Aufziehen ihrer Kinder benötigen: ein Internet-Link oder eine Krabbelgruppe oder eine Familien-Hebamme. Das hat ja alles noch nichts mit intervenierendem Kinderschutz zu tun, sondern präventiv vorbeugend, unterstützend und beratend, familienbildend und so weiter.

Wir haben dann noch ein weites Verständnis des Kinderschutzes, das hatte ich vorhin schon mal kinderrechtlich begründet, dass nämlich Kinderschutz ja auch verstanden werden kann, als Verwirklichung sämtlicher Kinderschutzrechte. Die wiederhole ich jetzt nicht noch einmal. Sie sehen sie dort in diesem dritten Spiegelpunkt. Also ein erweitertes oder weites Verständnis und nicht mehr allein der Gewaltschutz wird dann unter Kinderschutz verstanden. Dann der vierte Spiegelpunkt, ein sehr weites Verständnis des Kinderschutzes, nämlich Kinderschutz verstanden als Kinderrechtsschutz. Das heißt Kinderrechtsschutz wäre dann ein Konzept, was die Umsetzung sämtlicher Kinderrechte, weil zu den Rechten der Kinder und zum Schutz dieser Rechte gehören ja eben nicht nur die Schutzrechte, sondern auch die Förderrechte und auch die Beteiligungsrechte. Ein sehr weites, eher noch in die Zukunft orientiertes Verständnis, was wahrscheinlich noch ein paar Jahre braucht, bis es sich durchsetzen mag.

Ich will mal kurz begründen an einem Beispiel, warum aus meiner Sicht das wirklich zukunftsträchtig ist. Und zwar Kinderschutz braucht Beteiligung und Beteiligung braucht Kinderschutz. Das ist oft aus dem Blick. Wir wissen, es gibt sogar Studien dazu, dass Kinder, die wissen, dass sie nicht gehauen werden, das ist ja eine Frage der Info, ein Stück Bildung und Erfahrung auch, dass sie wertgeschätzt werden, dass sie nicht gehauen werden dürfen. Das ist ja ein Förderrecht. Und auch Kinder, die die Erfahrung machen, dass ihnen zugehört wird, dass, wenn sie sich äußern, das Konsequenzen hat, dass sie nicht ins Leere hineinsprechen, wenn ihnen etwas nicht gefällt, was ja eine Frage der Beteiligung ist. Wir wissen, dass diese Kinder allein dadurch schon besser vor Gefahren geschützt sind. Also Kinderschutz braucht Beteiligung. Umgekehrt gilt aber übrigens auch Beteiligung braucht Kinderschutz. Weil Beteiligung ist im Moment ja so das Megathema in der Pädagogik. Auch vernünftig, finde ich einen sehr wichtigen Punkt.

Aber wir müssen aufpassen, vergessen wir den Kinderschutz nicht bei Beteiligungsfragen. Beispiel: Nehmen wir den Morgenkreis in einer Kita - ein Kind, was nichts sagt, was vielleicht ganz selten etwas sagt, was einfach nur den Mund hält, meistens zumindest, ist selbstverständlich genauso in Ordnung, wie ein Kind, was sich ständig beteiligt und vielleicht sogar immer nach vorne schiebt. Das heißt, Beteiligung ist ein Recht des Kindes und keine Verpflichtung. Und das ist ja eine Schutzfrage, dass wir Kinder nicht benachteiligen oder gar übersehen, wenn sie sich beispielsweise im Rahmen eines Morgenkreises nicht beteiligen. Dann müssen wir uns vielleicht fragen: Warum ist das so? Können wir sie auf anderen Ebenen erreichen, dass wir nicht hier wieder so eine Hierarchie oder sogar Diskriminierung einbauen? Also Beteiligung braucht Kinderschutz wie umgekehrt eben auch. Ein sehr weites Verständnis des Kinderschutzes.

Jetzt tatsächlich eine Verengung auf Gewaltschutz. Also ich mache die Linse jetzt wieder ein bisschen zu. Das haben wahrscheinlich ja auch die Zuschauenden erwartet, dass ich dazu vor allem spreche. Auch hier will ich zunächst aber mal ein bisschen das Blickfeld weiten. Nämlich von wem gehen eigentlich Gefahren, jetzt im Sinne der Gefahren durch Gewalt, also Misshandlung, Vernachlässigung, sexueller Missbrauch oder sexualisierter Gewalt - von wem gehen die eigentlich aus oder können sie ausgehen? Meistens denken wir an die Eltern oder vielleicht noch ein bisschen weiter an Personen im familiären Umfeld. Also Stichwort Kindeswohlgefährdung. Der Paragraph 8a oder auch der Paragraph 1666 im BGB, Kindeswohlgefährdung, deuten dieses Verständnis an. Aber vergessen wir nicht, wir haben auch Fehlverhalten und Gewalt durch Fachkräfte.

Ich hab jetzt mal hier nur die pädagogischen Fachkräfte genannt, aber wir haben natürlich auch medizinische Fachkräfte oder Fachkräfte beispielsweise im Bereich des Sports. Natürlich auch da und gerade übrigens auch während Covid-19, auch die Fachkräfte waren ja besonders belastet durch ihre eigenen Familien, durch Angst vor Erkrankung, durch wirtschaftliche Nöte und so weiter, durch besondere Belastung auch in den Einrichtungen. Und hier, darauf möchte ich hinweisen, ist die Eingriffsschwelle, anders als bei Gewaltereignissen im familiären Bereich, eben nicht Kindeswohlgefährdung, sondern viel niedriger ist diese Eingriffsschwelle. Weil wenn ich mein Kind in eine Kita oder auch in die Schule gebe, dann erwarte ich natürlich nicht nur, dass mein Kind dort nicht gefährdet ist. Das sowieso. Sondern es geht um professionell ausgebildete Fachkräfte. Da habe ich eine höhere Erwartung. Das ist auch rechtlich so gefasst. Das heißt schon bei Kindeswohlbeeinträchtigung, Paragraph 47 SGB VIII, gibt es eine Meldepflicht. Und die Folgen, je nach Einzelfall, können arbeits- oder manchmal auch strafrechtliche Folgen nach sich ziehen. Nicht immer natürlich. Es kommt immer auf den Einzelfall an.

Aber ich will dafür sensibilisieren, dass wir nicht nur auf die Familien schauen, sondern eben auch gewissermaßen auf uns selbst. Vor allem, dass wir nicht davon ausgehen - das ist, glaube ich, der erste Fehler, den man machen kann - zu sagen: in meiner Einrichtung gibt es so was nicht. In jeder Einrichtung gibt es Fehlverhalten durch Fachkräfte. Nicht immer gravierend. Aber wir sollten daran arbeiten, dafür eine Sensibilität zu bekommen und vor allem natürlich auch uns zu verbessern. Dritter Punkt, es gibt auch Übergriffe unter Kindern. Also von körperlichen Übergriffen weiß ich, dass Haare ausreißen, aber eben auch sexualisierte Übergriffe nur ein Beispiel sind.

Es gab eine Kita, die deshalb geschlossen werden musste, weil bei sexuellen Übergriffen unter Kindern das gesamte Personal weggeschaut hat. Das ganze Team wurde entlassen, wurde ein neues Konzept entwickelt. Also das gibt es durchaus auch in gravierenden Fällen, Übergriffe unter Kindern. Auch hier ist die Eingriffsschwelle Kindeswohlbeeinträchtigung und nicht -gefährdung. Auch hier gilt der Paragraph 47 SGB VIII. Es gibt eine Meldepflicht und im Einzelfall kann es arbeits- oder strafrechtliche Folgen haben, wenn wir als Fachkräfte da einfach weggucken oder nicht angemessen reagieren. Dann einfach noch zur Ergänzung - Gefahren können natürlich auch durch fremde Personen auftreten. Der berühmte Täter - selten die Täterin, aber es gibt sie auch - aus dem Busch oder eine Person, die auf der Straße einem Kind eine Ohrfeige gibt. Wir wissen alle, da ist die Polizei, die Staatsanwaltschaft, natürlich das Strafrecht ist da die Bezugsgröße im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe eher weniger der Bereich, der uns interessiert. Aber ich habe ihn natürlich hier auch noch erwähnen müssen.

Ich sagte es schon, ich will mich ein bisschen auf Fehlverhalten durch Fachkräfte konzentrieren, das aber nicht im Einzelnen erläutern. Es ist ein eigenes großes Thema, aber Sie sehen hier vielleicht auf ein paar wenige Blicke, dass vor allem die seelische Gewalt hier stark im Blick ist. Das ist auch das bei weitem häufigste. Es gibt die berühmte INTAKT-Studie von Annedore Prengel, die im Schulbereich angesiedelt ist, die zum Ergebnis kam, dass jede vierte pädagogische Interaktion zwischen einer Lehrerin oder einem Lehrer und einer Schülerin zu seinem Schüler nicht kindgerecht ist, jede vierte pädagogische Interaktion. Jede fünfzehnte pädagogische Interaktion eine schwere Kinder Rechtsverletzung darstellt und vor allem im Bereich der seelischen Gewalt, also Beschämung, Entwürdigung, das Anschreien, das ständige Vergleichen mit anderen Kindern, Bevorzugung bestimmter Kinder, Diskriminierung anderer Kinder, Essenszwang vor allem im frühkindlichen Bereich, ein leider trauriger Klassiker rigide Schlafenszeiten, Kontrolle des Toilettengangs, Zerren und Schubsen.

Jetzt kommen wir schon in den körperlichen Bereich hinein. Auch körperliche Bestrafung, es gibt auch die Ohrfeige im professionellen Bereich, das Fixieren vor allem im Krippenbereich gar nicht so selten. Also, dass Kinder beispielsweise die Plastiksätze unter die Teller gestellt werden, damit sie sich nicht mehr bewegen können oder kaum mehr bewegen können. Es wird dann begründet, damit sie nicht irgendwie zur Seite fallen. Aber es ist kein kindgerechtes Verhalten. Vernachlässigung vor allem auch von Aufsichtspflichten oder auch gesundheitlicher Fürsorge, Nähe-Distanz-Regulation, ein sehr spannendes Thema. Da will ich gleich übrigens ein Beispiel noch kurz mal anleuchten lassen. Jedenfalls Ignorieren von Übergriffen unter Kindern und natürlich auch sexualisierte Gewalt in unterschiedlichen Formen kommen vor. Wir müssen nur sensibel sein und sollten eben nicht wegschauen.

Ich habe mal hier ein Beispiel zumindest, nur ganz kurz, weil ich habe wenig Zeit dazu. Hier geht es um das Thema Depression. Übrigens die neue Volkskrankheit unter Erwachsenen, aber eben auch schon bei Kindern und Jugendlichen übrigens sehr auf dem Vormarsch. Ich bin aber jetzt hier auf die Erwachsenenebene gegangen. Vielleicht lesen Sie selber mal, ich les das jetzt nicht vor. Es geht darum zentral, dass eine Erzieherin, es ist ein Beispiel aus der Kita, offensichtlich im privaten Bereich große Schwierigkeiten hat, sehr darunter leidet, dass sich ihr Freund von ihr getrennt hat und dann offensichtlich Anzeichen für eine Depression entwickelt. Jedes Team muss damit rechnen, über kurz oder lang, dass es solche Fälle gibt. Die Kollegen, wenn sie gut unterstützen, nehmen Rücksicht auf sie. Und dann gibt es diese Situation, die hier beschrieben ist, dass ein kleines Mädchen, ich glaube sie ist drei oder vier, die selbst sehr zurückgezogen ist, sich allmorgendlich mit dieser Erzieherin zusammentut, gewissermaßen ein Kokon einschließt und die Fachkraft dann diesem Mädchen die Haare bürstet, Zöpfe bindet, den Rücken massiert und es quasi so ein exklusives Verhältnis gibt für eine gewisse Zeit. Und zwar nicht einmalig, nicht vielleicht anlassbezogen, sondern als Muster jeden Morgen und irgendwann dann endlich eine Kollegin das nicht mehr mit ansehen kann und dann sagt: "Als ich euch beide heute so vertraut miteinander gesehen habe und du Joleen den Rücken massiert hast, habe ich mich plötzlich gefragt - Wer tröstet hier eigentlich wen?" Darum bedrückendes Beispiel. Also tatsächlich natürlich.

Kinder haben nicht die Rolle Erwachsene zu trösten. Die sind für die Kinder da und nicht umgekehrt. Es gibt ja schon so Anzeichen einer Parentifizierung, also dass das Kind die Erwachsene versorgt gewissermaßen. Gott sei Dank ist es hier zumindest zum ersten Mal nach einer gewissen Zeit angesprochen worden. Ganz kurz. Aus meiner Sicht muss so ein Verhalten Konsequenzen haben, gleich auf mehreren Ebenen. Ich denke, hier ist Leitung gefragt. Sehr schnell Leitung gefragt, weil das ein Team üblicherweise nicht hinkriegt. Selbst wenn sie das Thema ansprechen, gibt es häufig große Schwierigkeiten, eben eine Kollegin jetzt auch nicht an den Pranger zu stellen. Da muss man sich ja auch vor hüten. Es gibt ja auch die Frage des Mitarbeiterschutzes. Aber es eben ist auch nicht einfach zu ignorieren. Das ist sehr schwierig für ein Team.

Deswegen bin ich der Auffassung, dass hier in der Regel die Leitung ran muss, natürlich ein Mitarbeitergespräch führen muss, sowohl auf das Kind bezogen - das muss von heute auf morgen aufhören richtig im Sinne einer Arbeitsanweisung, geht gar nicht - es muss festgestellt werden, ob die Kollegin überhaupt arbeitsfähig ist noch und natürlich, dann aber auch im Sinne des Mitarbeiterschutzes. Natürlich hat diese Betroffene vielleicht ja, wir sind nicht in der Lage, noch nicht, kompetent das im pädagogischen Bereich zu diagnostizieren, aber vielleicht ja tatsächlich an einer Depression erkrankte Kollegin, natürlich hat sie auch Rechte und Möglichkeiten, sich hier zu schützen und vielleicht auch eine Auszeit oder wie auch immer, das hängt sehr vom Einzelfall ab. Es muss ein Mitarbeitergespräch geben und es muss eine klare Ansage in Bezug auf das Kind geben, dass das nicht weiter so sein darf.

Und es gibt eine dritte Ebene, die ich besonders wichtig finde. Die betrifft dann das Team. Ich finde dieses Thema, nämlich Nähe-Distanz-Regulationen, ein so spannendes Thema. Da muss wirklich Team sich weiterentwickeln, aber dann nicht auf diese Erzieherinnen bezogen, sondern das ist quasi eine Steilvorlage, sich diesem Thema mal im Rahmen eines Teamgespräches zu widmen. Beispielsweise - Wann es ist okay ein Kleinkind auf den Schoß zu nehmen? Wann ist es nicht okay? Wie ist das eigentlich, wenn das ein Mann macht? Wird das nochmal anders betrachtet? Sie sehen, da gibt es sehr sensible Fragen. Wie ist es, wenn ein Kind mir einen Kuss geben möchte? Also aktiv einem Kind einen Kuss zu geben im pädagogischen Bereich, halte ich für ein absolutes No-Go. Ich würde auch sagen, ein Kind, was mir einen Kuss anbietet, ist nicht in Ordnung. Aber wie gehe ich eigentlich mit solchen Situationen um? Wann ist es in Ordnung, ein Kind den Rücken zu massieren? Wann ist es nicht in Ordnung? Wann ist es eine Grenzüberschreitung oder sogar ein Übergriff? Das sind so interessante Fragen, die ich jetzt ja nur anreißen kann und nicht beantworten kann.

Was ich empfehlen würde, nach solchem Fehlverhalten oder auch Gewalt durch Fachkräfte - das ist dann nicht mehr personalisiert, es geht dann nicht um die Erzieherin, die hier betroffen ist - es geht dann um natürlich das Konzept in der Kita, was dann an einem solchen Beispiel hier mit pädagogischen Standards belegt und weiterentwickelt werden sollte. Leider hab ich nicht die Zeit, auch ein zweites noch zu präsentieren, weil wir haben nur noch wenige Minuten. Hier geht es um Diskriminierung. Das lasse ich mal gleich weg.

Ich wollte aber und das geht jetzt auch tatsächlich ganz schnell am Ende, Sie darauf aufmerksam machen, dass es einen sehr spannenden Prozess gibt. Die Bosch Stiftung hat das unterstützt, die sogenannte Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen. Und gerade in Covid-19-Zeiten glaube ich, macht es Sinn, dass wir auf unser eigenes Handeln schauen und so etwas wie eine Ethik pädagogischer Beziehungen entwickeln. Die Ärztinnen und Ärzte haben sie schon längst. Es gibt eine Standes-Ethik für Ärztinnen und Ärzte, die müssen sie sogar unterschreiben. Es gibt sogar Sanktionsmöglichkeiten.

Warum haben wir eigentlich keine anerkannte pädagogische Ethik? Auch hier nur ein kurzer Blick darauf. Das ist übrigens veröffentlicht. Sie können das unten sehen die Website oder auch googeln. Sie finden es sofort. Es sind nur die Überschriften, aber da steckt natürlich viel, viel dahinter. Vor allem, um seelische Gewalt gegen Kinder und Jugendliche unwahrscheinlicher zu machen, was ethisch begründet ist. Ich lese das jetzt nicht im Einzelnen vor, aber eben auch, was ethisch unzulässig ist. Übrigens gerade jetzt an diesem Wochenende findet diese Reckahner Konferenz wiederum in einem kleinen Ort in Brandenburg, deswegen Reckahn, mit einer ganz spannenden Tradition, nämlich Reformschule aus dem 19. Jahrhundert, nein 18. Jahrhundert sogar. Und jetzt gerade dort die Konferenz am Wochenende wird sich mit einem Regelbüchlein für Kinder beschäftigen, weil auch Kinder natürlich an ethische Regeln gebunden werden müssen. Auch ein Kind hat nicht das Recht auf Kosten von anderen zu leben. Also wir weiten das gerade aus, eben auch auf kindliches Handeln.

Vorvorletzte Folie. Wir haben die große Diskussion in Deutschland was Schutzkonzepte betrifft. Nur ein kleiner Hinweis - Die erste Frage, wenn ich mit Einrichtungen oder Trägern zu Schutzkonzepten arbeite, ist: Was verstehen wir eigentlich unter Schutzkonzepten? Also um Kinderschutz zu gewährleisten. Geht es nur um die sexualisierte Gewalt? Geht es um sämtliche Formen? Geht es um die Kinderschutzrechte? Oder geht es um sämtliche Kinderrechte? Ganz am Anfang habe ich ja schon dieses unterschiedliche Verständnis dargestellt. Ich glaube hier müssen wir ran. Es gibt einen sehr interessanten Fachdialog darüber, an dem wir uns glaube ich gerade auch ein bisschen weiterentwickeln. Ich kann es leider nur andeuten.

So jetzt vorletzte und letzte Folie. Ich komme jetzt nochmal auf die Kinderrechte zu sprechen, vom Kinderschutz quasi wieder ein bisschen zurück. Ich habe mal auf Deutschland bezogen einige Punkte aufgeschrieben und aber auch die nationale Situation. Ich glaube, es braucht dringend endlich diese Kinderrechte im Grundgesetz. Wahrscheinlich wissen es die meisten, das steht im Koalitionsvertrag als feste Verabredung. Hinter den Kulissen wird gerade noch gestritten. Hat es noch eine Chance in dieser Legislatur bis zu den Bundestagswahlen? Vor allem natürlich welche Formulierung? Aus meiner Sicht müssen die Standards der United Nations-Kinderrechtskonvention dort unbedingt ins Grundgesetz. Das heißt Kindeswohlvorrang und eben auch die Beteiligung. Ich glaube, wenn wir sie im Grundgesetz hätten, wäre so etwas wie in den letzten Monaten, dass Kinder quasi außen vorbleiben viele Wochen lang was die politischen Diskussionen betrifft, nicht mehr möglich, auch rechtlich gar nicht mehr möglich. Sondern ihre Interessen müssten ganz anders in die Abwägung einbezogen werden. Kinderarmut, Inklusion natürlich, Beteiligungsstrukturen, wir haben das große Thema Ganztagsbetreuung im Grundschulalter.

Und ich glaube auch hier ein Zukunftsthema. Wir müssen an das Wahlalter ran. Im Moment ist schon die durchschnittliche Wählerin und der durchschnittliche Wähler in Deutschland weit über 50 Jahre. Und das heißt in einer demokratisch verfassten Gesellschaft, dass die Rente eine Mehrheit hat und nicht Fragen, also politische Fragen und vor allem natürlich auch Ressourcen, die Kinder und Jugendliche betreffen. Ich glaube, das kann auf Dauer nicht so weitergehen. Ich denke, da müssen wir unbedingt ran.

Und die letzte Folie, Reformbedarf international. Natürlich sehr entspannende Diskussion um ökologische Kinderrechte. Also Stichwort Fridays for Future. Die Erweiterung der Beteiligungsrechte wird international auch diskutiert, ob beispielsweise wir sogar hier gewissermaßen umkehren sollten, dass nämlich Erwachsene begründen müssen, warum sie der Meinung des Kindes nicht folgen. Und nicht umgekehrt, dass die Meinung oder die Sichtweise von Kindern Einfluss haben muss auf erwachsene Entscheidungen. Sehr interessante Diskussion. Natürlich Kinderrechte im digitalen Raum, ein riesen Thema. Sowohl die Zugänge, aber auch die Schutzaspekte. Und selbstverständlich, aber das ist eher etwas für unsere Kindeskinder und die Generationen darauf. Wir haben eine Globalisierung im politischen und auch im wirtschaftlichen Bereich. Ich glaube, wir brauchen auch eine Globalisierung im Bereich des Rechtlichen und letztlich auch des menschenrechtlichen Systems. Also das Stichwort internationales Gerichtssystem. Das ist ja noch in Entwicklung. Wir haben den Strafgerichtshof, aber wir haben noch vieles eben hier ungeregelt mit den entsprechenden Konflikten, die wir im Moment ja auf allen Ebenen der großen Politik erleben.

Soweit, das war ein kleiner Parforceritt. Vielleicht aber, wir haben ja noch glaube ich zwei, drei, vier Minuten, gibt es möglicherweise im Chat noch die ein oder andere Reaktion. Das habe ich jetzt gar nicht verfolgen können, weil ich mich so sehr auf meinen Vortrag konzentriert habe. Aber vielleicht gibt es ja hier eine Anmerkung, Frage oder ähnliches. 

Vortrag 5: „Möglichkeiten und Herausforderungen digitaler Medien in der frühen Bildung“

Prof. Dr. Nadia Kutscher, Universität zu Köln

In ihrem Vortrag geht Prof. Dr. Nadia Kutscher auf die Möglichkeiten und Herausforderungen digitaler Medien im Kontext der Kindertagesbetreuung ein und gibt einen Einblick in den Umgang von pädagogischen Fachkräften mit Medienbildung und digitalen Medien selbst.

Ja, herzlich willkommen auch nochmal von meiner Seite.

Sie haben ja jetzt schon einen langen Tag hinter sich und viele Beiträge, viele spannende Beiträge, die ich zum Teil auch heute ein bisschen mitverfolgen konnte und an manche Themen kann ich auch ganz gut anknüpfen. Sie werden sehen, ich werde bisschen über den Alltag in der Kita sprechen, mit der Frage: Wie spielen da eigentlich digitale Medien eine Rolle? Sie werden sehen, dass ich auch auf Kinderrechte eingehe, die in dem Zusammenhang auch eine große Rolle spielen.

Es gibt mittlerweile seit über 20 Jahren viele Forschungsergebnisse zum Thema digitale Medien im Kontext von Kita. Und das ist manchmal nicht so ganz bewusst, weil wir es mit einem Feld zu tun haben, das häufig eher erstmal skeptisch so auf dieses Thema blickt. Und bevor ich aber zu diesen Befunden komme, möchte ich nochmal so kurz was als Vorbemerkung sagen. Wir stellen fest, dass wenn wir über digitale Medien oder Kinder sprechen, wir häufig bestimmte Bilder haben. Also Bilder von: Digitale Medien sind eher sowas Gefährliches, wo man Kinder eher vor schützen muss oder wo Kinder sich wenig bewegen, weil sie nur vor einem Bildschirm geparkt werden. Es gibt ja auch so Bilder, die viel gezeigt werden, wo dann ein Kind im Tragekorb sitzt und ein Laptop vor die Nase geknallt bekommen hat oder ähnliches.

Es gibt aber auch ganz andere Formate digitaler Medien. Es gibt die Vorstellung, dass Kinder - und das hat Neal Slavin schon 2003 ganz gut auf den Punkt gebracht - zu schützende Wesen sind. Dass sie aber möglicherweise, das ist der andere Diskurs, Digital Natives sind, die schon quasi geboren werden mit dem Laptop und der Wischbewegung in der Hand. Sie werden es in den Kitas häufig auch beobachten, dass Kinder mit dieser Bewegung sehr vertraut sind. Es gibt aber zum Beispiel eine Studie vom Deutschen Jugendinstitut, in der ganz gut gezeigt wurde, dass die Kinder das beileibe nicht quasi per Geburt schon können und kennen, sondern sich über einen langen Zeitraum des Lernens, des Sozialisiertwerdens im familialen Alltag, aber auch im Kita-Alltag erst aneignen. Also diese Bilder von den Kindern, die das alles eh schon können, am besten sogar noch eher als die Eltern.

Die Frage: Wer hat eigentlich wofür Verantwortung?, das sind alles Diskurse, die wir erst einmal haben, wo es sich lohnt mal genau hinzuschauen. Was habe ich eigentlich für ein Bild vom Kind? Was hab ich für ein Bild von digitalen Medien? Wie bringe ich das eigentlich zusammen? Was sind da meine Erfahrungen und was gibt es vielleicht auch noch an Wissen über diese einzelnen Erfahrungen hinaus? Viele Studien und das wirklich seit Jahrzehnten zeigen, dass Erzieherinnen und Erzieher im Kontext Kita und frühe Bildung eher ambivalent oder sehr skeptisch mit Blick auf das Thema digitale Medienbildung blicken.

Eine Studie von Henrike Friedrichs-Liesenkötter spricht davon, dass Erzieherinnen die Kita oft als Schutzraum sehen, aber auch manchmal als ein Erfahrungsort, wo man mit diesen Dingen auch in Berührung kommt. Die Studien mit Erzieherinnen, die es gibt, kommen an vielen Stellen zu dem Schluss, dass es eigentlich eine Unklarheit darüber gibt: Was meinen wir eigentlich mit Medienerziehung? Das ist etwas, worauf ich hier auch nochmal mehr eingehen werde, weil ich glaube, dass da ein ziemlich wichtiger Knackpunkt liegt für diese ganze Frage: Wovon reden wir eigentlich? Heißt denn Medienerziehung oder Medienbildung in der Kita immer gleich? Wir müssen jetzt ein Tablet nehmen und den Kindern beibringen, wie sie das richtig nutzen oder was heißt es eigentlich möglicherweise sonst? Die Studien zeigen, dass Fachkräfte sich recht unsicher fühlen beim Erziehungsthema digitale Medien. Das es auch ein mangelndes Wissen über digitale Medien gibt und auch darüber, wie die eigentlich pädagogisch eingebettet sein sollen oder können.

Es gibt aber zunehmend Hinweise, dass in den Kitas - das haben wir selbst auch an einer Studie bei einem Pilotprojekt der NRW-Landesregierung festgestellt und der Nationale Bildungsbericht kommt auch zu diesem Schluss aus der Basis unterschiedlicher Daten - dass in den Kitas immer mehr digitale Medien auch zur Ausstattung gehören. Meist sind es Digitalkameras oder Computer oder Laptops dann eher für die Erzieherinnen, aber es gibt auch seit Jahrzehnten Träger, die im Bereich der medienpädagogischen Begleitung von Kitas Fortbildungen durchführen und da viel Erfahrung haben. Was in verschiedenen Studien sich zeigt als eine große Herausforderung für Erzieherinnen, ist die Frage: Wie gehen wir eigentlich damit um, dass wir es auch mit sozialer Ungleichheit in der Nutzung digitaler Medien haben? Auch im Bereich der Medienerziehung. Und wie gehen wir eigentlich mit der familialen Medienerziehung um? Was haben wir für ein Bild auch von den Eltern? Wenn ich Sie jetzt fragen würde: Wo tauchen eigentlich digitale Medien im Kontext von Kita oder Kindertagespflege auf? Dann würden Sie wahrscheinlich bestimmte Medienprojekte benennen, vielleicht eine Greenscreen-Technik, mit der sie arbeiten.

Aber ich werde nochmal, [jetzt macht hier mein Bildschirm gerade kurz Anstalten], ich werde Ihnen nochmal versuchen zu zeigen, wo denn digitale Medien überhaupt schon vorhanden sind, ohne dass Sie jetzt schon gleich ein Medienprojekt machen. Wir wissen, dass Eltern zunehmend auch Apps einsetzen, um ihre Kinder zu überwachen oder zu kontrollieren, zum Beispiel auch die Mediennutzung ihrer Kinder. Oder die Erzieherin blickt zwischendurch mal im Kita-Alltag auf ihr Smartphone, um zu schauen, ist eine neue WhatsApp-Nachricht eingegangen. Oder Eltern machen WhatsApp-Gruppen auf, oder andere Gruppen und tauschen sich mit den Erzieherinnen aus oder untereinander über die Erzieherinnen. Haben Sie vielleicht auch schon erlebt. Die Kinder erzählen von digitalen Spielen, die sie zuhause spielen oder mit Freunden oder auch von digitalem Spielzeug. Die Eltern kommen vielleicht auf Sie als Erzieherin in der Kita zu und fragen Sie, ob Sie irgendwelche digitale Medien kennen - Bilderbücher beispielsweise, Filme, Spiele, die Sie für die Kinder empfehlen können. Oder Eltern haben ihrem Kind schon ein eigenes Smartphone gegeben. Das passiert dann, wenn dann frühestens im Vorschulalter, zumindest in der Menge der Fälle, weil die Eltern das Kind immer gerne erreichen wollen. Oder sie haben schon überlegt, ob sie neue Regeln einführen oder haben es sogar schon getan für die Bring- und Abholsituation, weil die Eltern das Smartphone ja immer in der Hand haben und kaum aufmerksam sind für die Kinder. Sie haben vielleicht auch festgestellt, dass auf der Kleidung und Spielzeug von Kindern Medienhelden vorkommen aus verschiedenen Spielen beispielsweise oder der Fortnite-Tanz, der auch gerne in den Kitas zu sehen ist. Etwas, womit Sie mittelbar vielleicht in Berührung kommen, ist das, was wir "Sharenting" nennen. Da gehe ich gleich noch mal kurz drauf ein im Rahmen einer Studie, die wir durchgeführt haben. Dass Eltern, Großeltern, vielleicht auch Erzieherinnen Fotos von Kindern machen und die dann über soziale Netzwerke, über WhatsApp, Facebook, Instagram mit anderen teilen und vieles mehr.

Ich hab das eben nochmal so ein bisschen vor Augen geführt, weil es glaube ich wichtig ist, sich klarzumachen - die digitalen Medien sind auf unterschiedliche Weise präsent und Sie können jetzt als Kita sagen: Mir ist es total egal, dass es dann überall vorkommt und ich schau auch nicht hin, wie ich mich selbst als Fachkraft vielleicht im Kita-Alltag damit bewege, sondern die Kita ist der Bereich, in dem wir das auch nicht mal thematisieren oder mit den Eltern alles besprechen. Oder Sie sagen, wir müssen vielleicht gar nicht gezielt Medien einsetzen, aber allein mit diesen Dingen pädagogisch umzugehen, die einzubeziehen in unser fachliches Handeln, das ist möglicherweise auch schon Teil von Medienbildung.

Wir haben eine Studie durchgeführt, in der wir Kinder und Eltern befragt haben, rund um das ganze Thema "Sharenting". Also wie gehen Eltern damit um, dass sie Fotos von Kindern machen und diese Fotos auch mit anderen geteilt werden? Wir haben die Kinder dazu unabhängig von den Eltern genauso befragt. Es waren allerdings Kinder ab dem Alter von sechs Jahren, also das heißt, nicht mehr Kita-Alter. Wir haben das aus forschungspragmatischen Gründen so gemacht. Aber was sich da gezeigt hat, ist, dass die Eltern eigentlich überfordert sind mit einem guten Umgang mit den Daten der Kinder. Weil wir einen Alltag haben, in dem ganz normal ist und ganz naheliegend ist, dass die Eltern mal eben ein Foto machen, das Foto mal eben mit anderen geteilt wird, man das auch lustig findet. Sie haben es vielleicht auch mitbekommen - es gab eine Kampagne von dem Deutschen Kinderhilfswerk vor einiger Zeit, in der das auch problematisiert worden ist und auch von anderen Prominenten - wir haben eine ganze Reihe von Alltagspraktiken, in denen eigentlich die Rechte der Kinder verletzt werden und wir haben in unserer Studie von den Kindern sehr deutlich gehört, dass die Kinder gefragt werden wollen und dass die Kinder auch Ideen haben.

Die Kinder haben auch Vorstellungen davon, wer eigentlich Fotos von ihnen zu sehen bekommen darf. Wir können auch ein Stück weit unterscheiden, wie öffentlich oder wie viele Leute, welche Leute das sein dürfen. Und das schon ab dem Alter von sechs Jahren. Wir haben Jüngere nicht befragt, deswegen können wir das empirisch nicht einholen. Aber das wäre mal eine spannende Frage, sowas mal zu einem Thema in der Kita zu machen. Wir haben Eltern gefunden, die ihren Kindern erlaubt haben, schon sehr früh WhatsApp zu nutzen, weil sie gesagt haben, naja, andere nutzen das auch und wir möchten das unserem Kind auch erlauben, die dann aber natürlich gemerkt haben, dass da bestimmte Fragen auftauchen. Nämlich kommen wir da unserer elterlichen Verantwortung und auch unserer Schutzverantwortung genug nach? Und diese Eltern haben dann zum Teil es so gelöst, dass sie sich abends immer das Smartphone des Kindes genommen haben und dann alle Chats und Nachrichten durchsucht haben, was ein massiver Eingriff in die Privatsphäre der Kinder ist. Also wir haben hier eine ganze Reihe von Widersprüchen.

Wir haben in dieser Studie auch sehen können, dass Eltern ganz oft nicht hinreichend Bescheid wissen über: Wo entstehen Daten über die Kinder? Wo ist es problematisch, dass man Daten über die Kinder teilt? Und dazu vielleicht auch eine kurze Anmerkung nochmal: Selbst wenn Sie Daten auf Instagram oder Facebook oder WhatsApp nur mit Leuten teilen, die Sie sehr gut kennen, ab dem Moment, wo Sie ein Bild da teilen, hat Facebook - Instagram gehört zu Facebook, WhatsApp gehört zu Facebook - hat Facebook als Konzern und genauso andere soziale Netzwerke, die kommerziell betrieben werden, die Daten der Kinder. Und diese Daten werden vorgehalten, die werden ausgewertet. Es gibt dazu auch eine große Debatte, wie man da eigentlich die Daten der Kinder gut schützen kann. Stacey Steinberg hat mal gesagt: "Die Kinder haben keine Kontrolle über die Verbreitung ihrer persönlichen Informationen durch in der Regel die Eltern."

In den Kitas gibt es zum Teil eine Auseinandersetzung damit, wie gehen wir mit den Bildern der Kinder um. Und es gibt aber da auch tatsächlich unterschiedliche Ansichten von Kindern und Eltern über bestimmte Fotos. Wir haben in unserer Studie gesehen, dass Kinder Fotos, wo Erwachsene gesagt hätten - das ist doch total süß, ist ein nettes Foto, überhaupt nichts Problematisches, da ist niemand nackt oder sonst irgendwas - wo Kinder gesagt haben: Nein, das ist mir zu peinlich, das möchte ich nicht. Da liegen wirklich große Verantwortungsfragen, die nicht nur in der Familie bleiben, sondern die vielleicht auch ein Thema sind in der Kita, mindestens in der Elternarbeit, aber möglicherweise auch im Umgang mit Daten und Fotos der Kinder im Alter.

Ich komme jetzt noch zu einer zweiten Studie, die wir durchgeführt haben, als wissenschaftliche Begleitung eines Modellprojektes des Landes Nordrhein-Westfalen, Medienbildung in der Kita. Sie finden unter diesem Link auch den ausführlichen Bericht und ich will Ihnen kurz Ergebnisse aus dieser Studie darstellen, weil die glaub ich nochmal sehr gut auf den Punkt bringen, mit welchen Fragen Kitas auch konfrontiert sind, wenn es um digitale Medien geht. Wir haben die Pilot-Kitas alle befragt und wir haben vier sehr unterschiedliche Kitas auch nochmal sehr genau im Alltag beobachtet, Interviews durchgeführt, Gruppendiskussionen und ich will, wenn ich jetzt auf die Ergebnisse eingehe, zunächst Ihnen vier Fallprofile ganz kurz darstellen, weil Sie glaube ich mit diesen Fallprofilen ziemlich gut nochmal sehen können: Wo liegen Unterschiede in den Kitas, in ihrem Umgang mit dem Themenfeld digitale Medien?

Die erste Kita hat in ihrem Alltag gezeigt, dass sowas wie eine wechselseitige Unterstützung im Team unglaublich wichtig ist und eine ganz feste etablierte Kultur in dieser Kita ist. Fachkräfte haben das an verschiedenen Stellen beschrieben, dass sie sich gegenseitig unterstützen. Sie hatten zu Beginn des Projektes viel Respekt vor dem Thema digitale Medien und all diese Ängste haben sich im Laufe des Projektes gelegt. Während dieses Projektes war aber die Arbeit, die die Fachkräfte da gemacht haben mit den begleitenden Medienpädagogen, vor allen Dingen auf den Einsatz von Medien in der Kita fokussiert. Also mit Greenscreen-Technik, Trickfilme machen oder irgendwelche Projekte mit Fotos zu dokumentieren und ähnliches. Die Erzieherinnen haben kennengelernt, dass die digitalen Medien für sie hilfreich sein können bei der Sprachstandserhebung, für die Entwicklungsdokumentation, wo viel auch mit Fotos gearbeitet wurde. Oder sie haben auch dann das Tablet in die Elterngespräch mitgenommen, um daran eben zu zeigen, was die Kinder alles so gemacht haben und entwickelt haben. Die Erzieherinnen hatten aber so den Eindruck, dass mit diesen Medien, das ist dann eben extra ein Medieneinsatz, wo wir auch Projekte machen müssen und es braucht zusätzlich Zeit. Was wir auch im Alltag dieser Kita gesehen haben: Da wurden auch Apps genutzt, wo die Erzieherinnen gesagt haben, ja, dem geben wir jetzt auch Zugriff auf die Fotos, weil die App braucht Zugriff auf die Fotos, um damit arbeiten zu können und da entstehen dann Datenschutzfragen, die auch problematisch sein können. Auch in dieser Kita, wie in den anderen Kitas, sind auch private Geräte der Erzieherinnen genutzt worden, also private Laptops, private Smartphones, um Fotos zu machen, Facebook und WhatsApp sind auch für Elternkontakte genutzt worden und es gab aber keine Kommunikation mit den Eltern zu digitalen Medien. Das war eher so ein eigenes Thema der Kita.

In der zweiten Kita gab es eine relativ große Skepsis gegenüber den Eltern und ihren Alltagspraktiken mit digitalen Medien. In dieser zweiten Kita sind digitale Medien immer außer Reichweite der Kinder aufbewahrt worden, also immer oben auf den Schränken oder außer Sichtweite, sodass die Kinder selbst gar nicht an diese Geräte ran konnten, wenn dann nur kontrolliert und begleitet. In dieser Kita ist im Laufe des Projektes immer mehr auch an Medieneinsatz im Alltag projektförmlich passiert.

In der dritten Kita kann man sehen, welche große Rolle wirklich das insgesamte Setting in der Kita eine Rolle spielt. Diese Kita hatte ein Verständnis von Elternarbeit, das ganz, ganz stark von Dialog geprägt war, von geteilter Verantwortung, von ganz viel Austausch mit den Eltern. Auch ein Verstehen von familialem Alltag. Das war eine Kita, in der es nicht grundsätzliche Vorbehalte gegen die Eltern gab, sondern wirklich ein ganz starker, enger Dialog. Die Erzieherinnen haben ihre Arbeit als Hand in Hand, also auch sehr stark gegenseitig unterstützend, beschrieben. Und wenn sie sich mit dem Thema digitale Medien beschäftigt haben, dann immer unter dem Primat des Pädagogischen. Das heißt, sie haben sich angeschaut: Was haben wir für eine pädagogische Situation? Macht es da Sinn etwas mit digitalen Medien zu machen? Wenn ja, okay, dann haben sie die mit eingebettet. Wenn sie gesagt haben, das ist eine pädagogische Situation, da macht es überhaupt keinen Sinn mit digitalen Medien, war das da auch nicht weiter ein Thema. Sie haben zum Beispiel mit den Kindern gemeinsam Fotodokumentation gemacht, also auch Entwicklungsdokumentation. Es gab ein sehr starkes Datenschutzbewusstsein im Alltag. Also die Kitas konnten jederzeit an die Digitalkameras, haben Fotos gemacht. Als ein Kind ein anderes Kind fotografieren wollte, das gerade am Weinen war, das haben wir bei Beobachtungen im Alltag gesehen, ist sofort eine Erzieherin hin und hat gesagt: "Schau mal, das Kind fotografierst du jetzt besser nicht. Das möchte das wahrscheinlich nicht." Also es gab eine ganz starke Reflektion, eine Auseinandersetzung und eine Begleitung all dessen, was da passiert ist. Und was diese Kita sehr deutlich thematisiert hat, war, dass ihnen bewusst geworden ist durch das Projekt, wie viel sie schon digitale Medien berücksichtigen, ohne dass sie jetzt von vornherein das klar gehabt hätten, dass sie eigentlich da sind.

In der vierten Kita war es so, dass da sehr genau überlegt wurde, was schaffen wir uns überhaupt an Medien. Diese Kita hat die Politik gefahren, dass digitale Medien von den Kindern so gut wie gar nicht genutzt werden sollen. Andere Medien durften sie nutzen oder kaputte digitale Medien, die keinen Internetanschluss hatten. Die Leitung hatte gesagt: "Wir schaffen kein WLAN an in dieser Kita", hat aber gleichzeitig von den Fachkräften erwartet, dass sie mit ihren privaten Geräten das kompensieren. Also die haben dann privates Datenvolumen genutzt, um mal mit den Kindern zu Dingen zu recherchieren. Und da hat sich gezeigt, wie wichtig auch da die Leitung ist, nämlich auch in einer problematischen Weise. Die Fachkräfte haben sich total unsicher gefühlt mit digitalen Medien, waren sehr intransparent gegenüber den Eltern - das haben die Elterninterviews auch gezeigt - wie sie mit digitalen Medien umgehen und die Fachkräfte haben das an einer Stelle auch so formuliert, dass sie gesagt haben: "Jetzt kommt auch noch das Thema digitale Medien."

Sie haben jetzt vielleicht in diesen ganz kurz angerissenen vier unterschiedlichen Profilen gesehen, wie unterschiedlich Kitas aufgestellt sind. Und wir haben unter anderem mit diesen Daten, aber auch anderen Daten, die wir erhoben haben, versucht nochmal herauszuarbeiten, was sind eigentlich Gelingensbedingungen dafür, digitale Medien in diesem Kontext zu nutzen. Und ich fasse jetzt zusammen: Das erste ist, wir sehen, dass die Institutionskultur in der Kita, unabhängig vom Thema digitale Medien, eine ganz große Rolle dafür spielt, wie eine Kita mit dem Thema digitale Medien oder Medienbildung und auch Erziehungs- und Bildungspartnerschaft in dem Zusammenhang umgeht. Wir haben bei einem Großteil der Fachkräfte am Ende dieses zweijährigen Projektes in der Enderhebung festgestellt, dass es weiterhin große Unsicherheiten gibt bei dem Thema Elternberatung, Elternbegleitung, Medieneinsatz und Datenschutz. Also das sind drei Themen, die auch schon eine große Rolle gespielt haben während des Projektes, wo die Erzieherinnen sich am Ende aber weiterhin unsicher gefühlt haben. Eltern und Fachkräfte waren sich einig, dass das Elternhaus die Hauptverantwortung für die Medienerziehung trägt und die Erzieherinnen da auch unterstützen. Aber das sah dann recht unterschiedlich aus, die Einschätzung dazu.

Was man feststellen kann, ist, dass digitale Geräte schon zu Beginn des Projektes im Alltag der projektbeteiligten Einrichtungen und in den Familien eine Rolle gespielt haben. Die Medienausstattung aber auch weiter zugenommen hat. Und aber auch und das ist auch eine interessante Frage - weil häufig wird gesagt, wir brauchen erst einmal die digitalen Medien, bevor wir überhaupt über das Thema reden können - die Fachkräfte haben deutlich gesagt, ihnen ist klar geworden, dass die Ausstattung nicht das zentrale Thema ist, wenn es um Medienbildung in der Kita geht. Sondern es geht um eine bestimmte Form der Reflexion daraus. Wir haben viel gesehen, das habe ich gerade auch schon erwähnt, dass private Geräte im Einrichtungsalltag durch Fachkräfte eingesetzt werden. Zum Teil um zu kompensieren, dass nicht genügend Ausstattung da ist.

Und ein großes Feld ist tatsächlich das Thema Datenschutz. Das Thema Datenschutz ist zwar durch die Datenschutzgrundverordnung in vielen Einrichtungen sehr präsent geworden, deswegen hat es wahrscheinlich auch während dieses Projekts eine große Rolle gespielt, weil da die Datenschutzgrundverordnung eingeführt worden ist, trotzdem gibt es da eine Menge an Unsicherheiten und Unklarheiten.

Wir haben im Rahmen dieses Projektes ein Modell entwickelt, um nochmal klarzumachen: Was ist eigentlich Medienbildung in der Kita? Weil die meisten Erzieherinnen und Erzieher denken, wenn - und das ist jetzt nicht nur im Bereich der Kitas, das haben wir auch in anderen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe, das haben wir in der Schule überall, wenn es um das Thema digitale Medien geht - die meisten denken, wenn wir von Medienbildung sprechen, heißt es: wir zeigen den Leuten, wie sie am besten mit einem Medienprojekt ein digitales Gerät irgendwie gut einsetzen. Das ist aber wirklich nur ein kleiner Teil des ganzen Themas Medienbildung. Deswegen möchte ich Ihnen das nochmal kurz vor Augen führen. Ein wichtiger Aspekt ist die Sensibilisierung der Fachkräfte selbst. Also sich bewusst zu werden, wo nutze ich im Alltag mal eben zwischendurch irgendwie ein digitales Medium, mein eigenes Smartphone oder mal den Computer, um was nachzusehen, um da Daten über die Kinder abzuspeichern, um Daten mit den Eltern auszutauschen und ähnliches. Also diese Sensibilisierung, diese Wahrnehmung - Wo ist es eh schon da? Und wie gehe ich eigentlich damit um? Und wie gehe ich bewusst damit um? - Das ist der erste wichtige Anteil. Das zweite ist: Wie wird dieses Thema in das pädagogische Handeln im Kita-Alltag eingebettet? Also sagen wir, wir machen jetzt extra was mit den digitalen Medien. damit wir jetzt hier was mit digitalen Medien machen. Oder machen wir unsere pädagogische Arbeit und schauen aus dieser pädagogischen Logik auf das Feld und entscheiden dann, wo macht es Sinn, da was einzusetzen? Vielleicht geht es gar nicht um Medieneinsatz, sondern nur darum, darüber zu sprechen, wie Eltern oder Kinder Erfahrungen damit gemacht haben oder sich im Team darüber auszutauschen und ähnliches.

Dafür braucht es auch mehr Aufmerksamkeit für fachliche Standards im Kontext von Digitalisierung. Also wie gehen wir mit dem fachlichen Standard Datenschutz um? Wie gehen wir mit Transparenz um? Wie gehen wir mit Verantwortung um? Und ähnlichen Fragen. Dann kommt natürlich auch der Teil Medieneinsatz oder Mediendidaktik. Also wo können wir bestimmte digitale Medien oder Software auch im pädagogischen Wandel nutzen? Wichtiger Aspekt ist die Konzeptentwicklung und wir haben gesehen, das werde ich gleich nochmal kurz erwähnen, da wo es kein Konzept gab, also kein niedergelegtes gemeinsames Übereinkommen über wie sehen wir uns im Verhältnis zu digitalen Medien, gab es auch in der Regel keine gemeinsamen Verständigung im Team darüber, wie man das eigentlich verstehen will.

Es ist wichtig, im Bereich der Erziehungspartnerschaft die Eltern auch einzubeziehen. Weil wenn das nicht miteinander kompatibel ist, wenn sozusagen die Alltagserfahrungen mit den Eltern völlig andere sind, als die, die in der Kita gepflegt werden, wenn es da keine Kommunikation darüber gibt - und wir hatten tatsächlich Kitas, die haben gesagt "Was die Eltern zu Hause machen, geht uns nichts an, denen reden wir nicht rein, aber wir wollen auch nicht, dass die Eltern uns reinreden." - das ist eine interessante Form von Erziehungspartnerschaft, würde ich mal formulieren. 

Und der letzte Punkt, die Ausstattung, spielt natürlich schon auch eine Rolle, wenn man bestimmte Dinge nutzen möchte. Ich komme damit zu meiner letzten Folie. Nämlich zu der Frage: Welche Bedingungen sind wichtig, damit Medienbildung in der Kita gut verankert werden kann? Ich hab es vorhin schon mal gesagt: Wenn ein Team gewohnt ist die pädagogische Arbeit miteinander zu reflektierender, bei engem Austausch Ideen sondiert, auf ihre pädagogische Relevanz hin prüft, gibt es ein geteiltes pädagogisch professionelles Selbstverständnis, das im Austausch auch weiterentwickelt wird, gibt es eine Atmosphäre von einem guten kollegialen Miteinander und der wertschätzenden Kommunikation im Team, dann lässt sich die neue Herausforderung "Umgang mit digitalen Medien, Umgang mit dem Thema digitale Medien" auch wirklich gut bewältigen. Also das ist das, was wir gesehen haben. Teams, die da gut aufgestellt sind in ihrer grundsätzlichen pädagogischen Professionalität, die erschreckt das Thema digitale Medien auch nicht. Also es heißt, wir geraten da sehr schnell an grundsätzliche Themen von Professionalität, von Team, von Leitung. Was auch eine wichtige Rolle spielt, ist nochmal zu schauen: Was verstehen wir eigentlich unter Medienbildung? Und ich habe Ihnen da jetzt ein paar Anregungen gegeben, aber es ist sicher mal spannend, sich mit dem Thema selbst auf den Weg zu machen und eine Auseinandersetzung miteinander darüber zu führen - Was verstehen wir unter Medienbildung? Was gehört für uns dazu? Was sind Dinge, die wir schwierig finden? - und da sich in einen Prozess zu begeben. Das Konzept habe ich vorhin auch schon angesprochen.

Die Einrichtungsleitung spielt eine große Rolle. Wir haben Kitas gesehen, in denen die Einrichtungsleitung eher sozusagen das Problem dargestellt hat, auch in der Befassung mit dem ganzen Thema digitale Medien und wir haben Einrichtungen gesehen, wo die Einrichtungsleitung klar war worum es geht, das Team gut mitnimmt und einbezieht, da aber auch entsprechend Orientierung gibt, dass dann das wunderbar funktioniert. Die Träger spielen auch eine wichtige Rolle, nämlich mindestens für die Frage von Ressourcen und Räumen, also Ressourcen und Räume für Ausstattung, für die Auseinandersetzung über das pädagogische Selbstverständnis mit Blick auf digitale Medien, Qualifikation von Leitung und Team, aber auch Verantwortung für Datenschutzfragen. Also eine Aufklärung über, welche Dinge sind wichtig zu berücksichtigen und was gibt es noch für Informationen, die man wissen muss, Metadatensammlung, die eine Rolle spielt, so quasi nebenbei, die aber ganz, ganz wichtig ist nochmal, wenn man eben bestimmte Dienste nutzt oder vielleicht besser nicht nutzt wie WhatsApp und ähnliches. Die technische Ausstattung habe ich auch schon erwähnt und auch die Frage, wie gestaltet eine Einrichtung die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft eben auch, indem sie offene Räume bietet für Eltern, sich als Ansprechpartnerin versteht, um sich über Sorgen und Fragen auszutauschen, die im Zusammenhang mit digitalen Medien für die Eltern und für die Kinder eine Rolle spielen. Dann müssen die Einrichtungen nicht gleich alle Antworten wissen, sondern es reicht schon da miteinander sich auch auf einen Weg zu begeben.

Das sind die Aspekte, die wir herausgearbeitet haben. Die finden Sie auch noch einmal ausführlich in unserem Bericht, den Sie im Internet finden und das Modellprojekt hat auch eine Handreichung für die pädagogische Praxis entwickelt, die Sie auch im Netz herunterladen können und die ich Ihnen auch für die Praxis ans Herz legen kann.

Und damit bin ich am Ende und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.